Versuch eines Vergleiches zur Stellung des Trainers in der BRD
Das hier dargestellte Bild vom Trainerwesen und vom Beruf des Trainers in der DDR regt zu einem Vergleich zur Stellung des Trainers im heutigen deutschen Sport an. Ein derartiges Unterfangen ist jedoch aus verschiedenen Gründen schwierig. Zu unterschiedlich waren bzw. sind die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Trainer in der DDR arbeiteten zu jenen im Sport der heutigen BRD. Auf der einen Seite, die durch den sozialistischen Staat und eine einheitlich strukturierte Sportorganisation sozial gesicherte, anerkannte Position des Trainers, der in der Regel über eine Hochschul- oder Fachschulausbildung verfügte und auf der Basis einheitlicher Grundaufgaben vollberuflich arbeitete. Andererseits: Haupt-, neben- und ehrenamtlich tätige Trainer in teilweise sehr unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern und Beschäftigungsverhältnissen, die zum Teil durch den Sport, durch den Staat sowie durch Wirtschaft und Sponsoren aller Art getragen werden. Das macht die gesellschaftliche Stellung, die Tätigkeit und Vergütung der Berufsgruppe der Trainer in vieler Hinsicht von den "Spielregeln des freien Marktes" abhängig. Die Bundesregierung unterstützt in ihrer neoliberalen Politik und Sportpolitik diese ausufernde Vermarktung des Leistungssports und leistete in den zurückliegenden Jahren kaum etwas um die Situation der Trainer im Sport aufzuwerten und die Finanzierung von Trainern wesentlich zu erweitern. So blieb beispielsweise die Anzahl der durch den Bund finanzierten Bundestrainer seit 20 Jahren (von 1989 bis 2008) fast gleich. Erst jetzt, nach den Olympischen Spiele 2008, kam es zu einer Aufstockung um 40 zusätzliche Bundestrainerstellen.
Auch die in erheblichem Maße vorhandene Ungleichheit zwischen den Sportarten erschwert eine sachliche und detaillierte Beurteilung der Situation des Trainers im heutigen deutschen Sport. Zwischen den Trainern und ihrem Status im Fußball oder im Eishockey und jenen im Wasserball, Volleyball oder im Ringen bestehen bekanntlich ganz erhebliche Unterschiede. Diese Situation macht es umso mehr erforderlich, dass wir uns bei dem Versuch, die aktuelle Lage der Trainer im heutigen deutschen Sport zu bewerten, auf Aussagen und Veröffentlichungen von im Sport der BRD tätigen Funktionären, Trainern, Wissenschaftlern und Journalisten stützen.
Versucht man auf dieser Basis eine Art von Gesamtbewertung zu finden, so kommt man zu der Feststellung, dass die Lage der Trainer im Sport weitestgehend kritisch beurteilt wird.
So schreibt der renommierte Sportwissenschaftler und Sportfunktionär Helmut Digel in einer Betrachtung "Zur Situation des olympischen Sports in Deutschland":
"Die Zukunft des Trainerberufs ist nur unzureichend gesichert.
Sehr viel kritischer als die Situation der Athleten stellt sich uns die Situation der Trainer dar.
Der Berufsstand des Trainers wird von einer erheblichen sozialen Ungleichheit geprägt.
Von einer akzeptablen Professionalität sind die Beschäftigungsverhältnisse der Trainer in den meisten olympischen Sportarten meilenweit entfernt.
Der Trainerberuf zählt auf diese Weise zu den riskantesten Berufen in Deutschland, wobei seine Entlohnung meist völlig unzureichend ist."
Der Autor begründet sein kritisches Urteil mit einer Reihe von Fakten, wie z.B.: 55,5 Prozent der Trainer haben ein monatliches Bruttoeinkommen von 3.000 Euro oder weniger, etwa ein Viertel aller Trainer im Spitzensport arbeitet auf Honorarbasis, ihr monatliches Honorar liegt bei 400 Euro, fast alle Trainer mit einem befristeten Anstellungsverhältnis haben ein so genanntes "Kettenarbeitsverhältnis", lediglich 12,9% der Trainer sind Frauen. Digel beschließt sein düsteres Resümee: "Dass dieser Beruf nur selten oder gar nicht zu den beruflichen Wünschen junger Menschen zählt, kann angesichts dieser Verhältnisse kaum überraschen" (Ebenda, S. 6).
Zu ähnlichen Einschätzungen kommt auch der Sportausschuss des Bundestages, der sich auf seiner Sitzung am 21. Januar 2009 mit der "Situation von Trainern im deutschen Spitzensport" befasste. In der entsprechenden Internet-Meldung des Bundestages heißt es: "Schlechte Bezahlung, kurzfristige Arbeitsverträge und Mängel bei der Aus- und Weiterbildung: Die Situation der Trainer von deutschen Spitzenathleten ist unbefriedigend. In diesem Punkt waren sich Abgeordnete und Experten ... einig. Eine kurzfristige Lösung des Problems konnten jedoch weder die Vertreter der Sportwissenschaften noch jene des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) präsentieren. Zu komplex, so die Experten, sei die Materie." (www.bundestag.de/aktuell/hib/2009_017/02).
Der Tübinger Sportsoziologe Thiel, der eine Studie zum "Berufsfeld Trainer" durchführte, bezeichnete die Aufgaben eines Trainers, der heute "kein Übungsleiter mehr ist" als "vielschichtig und vielfach unklar". Er erklärte vor dem Ausschuss, "die größte Baustelle des deutschen Spitzensports, ist die Situation des Trainers".
Auch der für den Leistungssport im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zuständige Vizepräsident Eberhard Gienger beurteilt die Situation der Trainer kritisch. So forderte er bereits 2006: "Wir müssen den Trainerberuf endlich attraktiver und gesellschaftsfähiger machen ... beispielsweise mit öffentlicher Anerkennung durch einen Trainerpreis, mit Prämiengestaltung, mit der Vertragsgestaltung. Dann wollen wir die Trainerakademie attraktiver machen und überlegen, wie können wir den Einstieg ins Berufsleben gewährleisten, wenn die Ausbildung abgeschlossen ist" (www.dosb.de Interview DOSB-Vizepräsident Leistungssport, Eberhard Gienger vom 26.06.2006).
Besonderer Nachholbedarf besteht auf dem Gebiet der Traineraus- und Weiterbildung. Als "Kompetenzzentrum für die Traineraus- und -fortbildung" des DOSB bildet die seit 1974 bestehende Trainerakademie in Köln seit Jahren Bewerber im Direktstudium sowie in berufsbegleitenden Studiengängen zum Diplomtrainer des DOSB aus. Diese Ausbildung an der Kölner "Akademie", die jedoch keine akademische Einrichtung ist, dauert eineinhalb (Direktstudium) bzw. drei Jahre. Die Prüfungen werden zwar staatlicherseits durch das Land Nordrhein Westfalen anerkannt, das Studium führt aber nicht zu einem akademischen Abschluss. Nun regte DOSB-Präsident Dr. Bach im Dezember 2008 an zu prüfen, "ob der hohen Komplexität des Trainer-Berufs durch eine universitäre Ausbildung Rechnung getragen werden muss" (Bach, S.3). Ein Anstoß über den in der BRD bereits seit einiger Zeit diskutiert wird und der vergleichsweise in der DDR bereits in den Anfangsjahren der DHfK entschieden wurde. Bleibt abzuwarten, ob und wann eine spezialisierte Hochschulausbildung für Trainer in der BRD möglich sein wird. Übrigens: Die 1990 zur Abwicklung verurteilte DHfK hätte über alle erforderlichen wissenschaftlichen, organisatorischen und materiellen Voraussetzungen verfügt, um diese Aufgabe in höchster Qualität zu lösen.
Verlassen wir diese "Baustelle des deutschen Spitzensports" ohne klar ersichtlichen Bauplan und versuchen wir, uns aus diesen und anderen Veröffentlichungen einen eigenen Standpunkt zu bilden. Vier Punkte erscheinen wichtig:
- Die vom DSB bzw. DOSB, seinen Verbänden und Vereinen mit Unterstützung durch die Bundesregierung in den vergangenen Jahren betriebene Vermarktung des Leistungssports hat in Bezug auf die Trainer zu sehr unterschiedlichen Tätigkeits- und Beschäftigungsverhältnissen geführt. Sie reichen von den, über das Bundesinnenministerium finanzierten Bundestrainern (1989 – 127) und Honorartrainern (1989 – ca. 390), über die haupt-, neben- und teilweise auch ehrenamtlich tätigen Trainer in den Stützpunkten und Sportvereinen und die bei der Bundeswehr, dem Bundespolizei und dem Zoll beschäftigten Trainer bis hin zu denen im Profisport. Der gestiegene Einfluss von Wirtschaft, Medien, Werbung, Sponsoren und Managern verstärkte nicht nur die Ungleichheit der Entwicklungsbedingungen zwischen den Sportarten, sondern begünstigte auch sozial sehr ungleiche Beschäftigungsverhältnisse und die Gefahr einer inhaltlichen Einflussnahme auf die Tätigkeit von Trainern.
- Diese Voraussetzungen sowie das Fehlen eines ausgereiften, prozessorientierten Ausbildungs- und Fördersystems in der Mehrzahl der Sportarten behindern offensichtlich auch eine für den Trainer und für Trainergruppen allgemein gültige Definition ihrer Grundaufgaben und Persönlichkeitsanforderungen. So können Aufgaben und Anforderungen je nach Arbeitsbereich und Anstellungsbedingungen in der Sportpraxis sehr unterschiedlich sein und zum Teil einen hohen Anteil von organisatorischen Verpflichtungen beinhalten, die vorrangig Aufgaben eines professionellen Managements im Leistungssport sind.
- Die soziale Stellung, die berufliche Tätigkeit und die materielle Vergütung des Trainers werden in hohen Maße auch davon beeinträchtigt, dass eine Hochschulausbildung von Trainern im Sport und eine obligatorische Fortbildung auf Hochschulniveau nicht als eine grundlegende Voraussetzung für eine qualifizierte, wissenschaftlich fundierte Tätigkeit des Trainers angesehen, gefordert und gewährleistet werden.
- Auch nach fast zwanzig Jahren bestehen in der öffentlichen Bewertung, in der arbeitsrechtlichen Absicherung und finanziellen Vergütung zwischen den Trainern aus den neuen und aus den alten Bundesländern immer noch ungerechtfertigte Unterschiede. Die Trainer aus den neuen Bundesländern verfügen oft über Arbeitsverträge mit nur kurzfristigen Laufzeiten, so genannten Mischfinanzierungen, und geringen Bruttoentgelten, obwohl sie zumeist über eine Hochschulausbildung verfügen und über Jahre Spitzenathleten betreuen. Änderungen sind dringend angebracht. Oft wird diesen erfolgreich arbeitenden Trainern nicht die berechtigte Anerkennung und das erforderliche Vertrauen durch die im deutschen Sport Verantwortlichen entgegen gebracht. Und zwar auch dann, wenn sie wie der Chemnitzer Eiskunstlauftrainer Ingo Steuer, der Berliner Leichathletiktrainer Werner Goldmann oder der Bundestrainer im Biathlon, Frank Ullrich, mit dem Abstand vieler Jahre öffentlich angegriffen und aus ihrer beruflichen Tätigkeit gedrängt werden sollen. Man vermisst hier eine eindeutige Position der verantwortlichen Funktionäre des Sports, mit der sie sich hinter diese sowie generell hinter alle im DOSB tätigen Trainer stellen und deren Ansehen stärken. Auch das würde dazu beitragen, die gesellschaftliche Stellung und die Autorität des Trainers im Sport der BRD nachhaltig zu erhöhen.
Die mangelnde Anerkennung und Förderung des Trainers und des Trainerberufes im heutigen deutschen Sport ist in der Tat ein vielschichtiges Problem. Es soll und darf nicht den Blick davor verstellen, dass es in allen Bereichen viele Trainer gibt, die hoch motiviert und erfolgreich mit ihren Athleten und Mannschaften um hohe sportliche Leistungen kämpfen. Die seit 2005 vom DOSB verkündete "Traineroffensive" führte bislang offensichtlich nur zu geringen Fortschritten. Sie trägt mit hoher Wahrscheinlichkeit nur dann zu einer Veränderung der kritischen Situation bei, wenn sie mit wesentlichen strukturellen Veränderungen verbunden wird. Die seit drei Jahren vorgenommene Auszeichnung "Trainer des Jahres" ist für die Aufwertung der Tätigkeit der Trainer in der Öffentlichkeit sicherlich von Nutzen. Sie besitzt jedoch vor allem symbolischen Wert. Erfreulich ist: Neben dem verdienstvollen Handballtrainer Heiner Brand kommen zwei der bisher geehrten Trainer des Jahres - Raimund Bethge (Bobsport) und Rolf-Dieter Amend (Kanurennsport) - aus der erfolgreichen Schule des Sports der DDR.
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