Die weitere Optimierung des Fördersystems sowie die auf den langfristigen Leistungsaufbau ausgerichtete Strukturierung und Spezialisierung der Trainertätigkeit in den 80-er Jahren

Die Auswertung der Olympischen Spiele 1980 und 1984 bekräftigte die Schlussfolgerung, die für den Leistungssport bewährte Strategie in ihren zwei Hauptrichtungen planmäßig fortzuführen. Die Optimierung des Systems und eine erhöhte Effektivität in allen Bereichen standen dabei im Mittelpunkt. Besonders in der ersten Hälfte der 80-er Jahre vollzogen sich wichtige Entscheidungen und Veränderungen auf dem Gebiet des Trainerwesens. Sie betrafen den weiteren Einsatz von Trainern in der 1. Förderstufe, die Bildung von einheitlich strukturierten Trainerräten, den Einsatz von Chefverbandstrainern in allen geförderten olympischen Sportarten, die Neubestimmung der Tätigkeits- und Funktionsmerkmale der Trainer wie auch die Erweiterung der ideellen und materiellen Stimulierung. Übergreifend rückten dabei drei Aufgaben in den Vordergrund:

  1. Die Heranbildung von einer zunehmend größeren Zahl von Spitzentrainern, die sich durch höchstes fachliches und pädagogisches Können auszeichnen und denen es über einen längeren Zeitraum gelingt, immer wieder Sportler neu zu Weltspitzenleistungen zu führen. Als Vorbilder wirkten in diesem Sinne solche Trainerinnen und Trainer wie Jutta Müller, Inge Wischnewski (Eiskunstlauf), Hans Eckstein, Jörg und Hertha Weißig (Rudern), Erich Drechsler, Klaus Wübbenhorst, Lothar Hillebrand (Leichtathletik), Marlies Grohe, Norbert Warnatsch (Schwimmen), Gerd Völker, Heiner Rothe (Wasserspringen), Dietmar Hötger (Judo), Gerd Müller, Heiko Salzwedel (Radsport), Paul Borowski (Segeln), Klaus Langhoff, Klaus Miesner (Handball), um nur einige zu nennen.
  2. Die Bildung von Trainerkollektiven, die über hohe Leistungsmaßstäbe, eine kritisch-schöpferische Arbeitsatmosphäre und über die Fähigkeit verfügen, gemeinschaftlich zu arbeiten und Erfahrungen miteinander auszutauschen.
  3. Die Förderung eines notwendigen Spezialistentums unter den Trainern, das sie in ihren Sportarten bzw. Sportdisziplinen befähigt, in der jeweiligen Förderstufe eine erfolgreiche Arbeit zu leisten und so zum Gesamterfolg des Leistungssports beizutragen( Vgl. Röder: www.sport-ddr-roeder.de).

Das zahlenmäßig starke Wachstum der Trainer in den verschiedenen Förderstufen führte in den 70-er und 80-er Jahren immer mehr zu unterschiedlichen Trainergruppen mit differenzierten Arbeitsprofilen. Ab 1983/84 arbeiteten in fast allen olympisch geförderten Sportarten Chefverbandstrainer. Ihre Aufgabenstellung ergab sich vorrangig aus dem langfristigen Trainings- und Leistungsaufbau und der Verantwortung für die Planung und Umsetzung des sich daraus ergebenden Gesamtkonzeptes gemeinsam mit den Verbandstrainern und Trainern der jeweiligen Sportart.

In den Sport- und Fußballclubs standen die Cheftrainer der Sektionen an der Spitze ihrer oft großen Trainerkollektive. So waren zum Beispiel im Sportclub DHfK Leipzig 18 Trainer im Sportschwimmen und 26 Trainer in der Leichtathletik tätig. Die Cheftrainer fungierten zunehmend als politische und fachliche Leiter dieser hochqualifizierten Kollektive. 95% aller in der 3. und 2. Förderstufe tätigen Clubtrainer wiesen zu dieser Zeit einen Hoch- oder Fachschulabschluss auf.

In der 1. Förderstufe trugen die Bezirkstrainer als Mitarbeiter der Bezirksvorstände des DTSB die fachliche Verantwortung für die in den Kreisvorständen angestellten Trainer in den TZ. Im Kreisvorstand Berlin-Marzahn arbeiteten, um auch hier ein Beispiel anzuführen, in 9 Trainingszentren insgesamt 20 Trainer. Von den Trainern der 1. Förderstufe waren damals 63% Hochschul- oder Fachschulabsolventen. Sie wurden von etwa 9.000 Übungsleitern, die auf das Training von Kindern in ihrer Sportart spezialisiert waren und dafür eine Übungsleiterausbildung in den Stufen 3 oder4 nachwiesen, tatkräftig unterstützt.

Für die 1. Förderstufe bestand das Ziel, in jedem Trainingszentrum mindestens einen hauptamtlich arbeitenden Trainer einzusetzen. Neben diesem Schwerpunkt wurden in den achtziger Jahren auch verstärkt Trainer für die Entwicklung der vom IOC neu in das Olympische Programm aufgenommenen Sportarten und Frauendisziplinen benötigt. Außerdem kam der wissenschaftlich-technischen Unterstützung des Wettkampf- und Trainingsprozesses immer mehr Bedeutung zu. Trainingsanalysen, leistungsdiagnostische Untersuchungen und die ersten Schritte hin zu einem parameterorientierten und computergestützten Training erforderten den Einsatz von Trainingsmethodikern und Spezialisten ohne Verantwortung für eine eigene Sportlergruppe. Auch unter diesen Aspekten wiesen die Leistungssportbeschlüsse vom Dezember 1980 und 1984 wiederum hohe Zuwachsraten an Trainerplanstellen auf. Für den Olympiazyklus 1981 bis 1984 waren es 800 und für den Zyklus 1985 bis 1988 400 Planstellen. Damit konnte erreicht werden, dass in der 1. Förderstufe annähernd gleich viel Trainer wie in der 2. und 3. Förderstufe tätig waren. Im Jahr 1988 verfügte der DTSB, einschließlich der Armeesportvereinigung und der Sportvereinigung Dynamo, über insgesamt 4.661 Trainerplanstellen. Sie verteilten sich nach Angaben von Helmut Horatschke folgendermaßen auf die einzelnen Trainergruppen:

Verbandstrainer 129
Trainer in den Wissenschaftlichen Zentren der Sportverbände 119
Trainer in den Sport- und Fußballclubs 1.985
Fußballtrainer in Betriebssportgemeinschaften 40
Bezirkstrainer 177
Trainer in den Trainingszentren 1.977
Trainer in nichtolympischen bzw. in nicht schwerpunktmäßig geförderten Sportarten 97
Trainerassistenten 100
Erzieher in Sportclubs auf Trainerplanstellen 19
Planstellenreserve 18

Diese Zahlen widerspiegeln eindrucksvoll die seit der Gründung der DDR anhaltende breite Unterstützung des Sports, des Leistungssports und mit ihm der Berufsgruppe der Trainer durch den Staat. Nicht nur wegen seiner großen internationalen Ausstrahlung und politischen Wirkung wurde der Leistungssport so breit und so kontinuierlich gefördert. Der Leistungssport hatte gewichtige, nach innen auf die Bevölkerung und besonders auf die Kinder und Jugendlichen gerichtete Funktionen. Körperkultur, Sport und Leistungssport sollten Teil einer kulturvollen Lebensweise, eines vielfältigen olympischen Alltages sein. Der Sport verfügte dafür in der DDR über ein erfolgerprobtes System mit vielen Tausenden von Sportlern, Übungsleitern, Trainern, Sportlehrern, wissenschaftlichen und technischen Kräften und Leitern, die mit ihrer Arbeit und ihren Erfolgen auch immer wieder bewiesen hatten, dass sie die von Staat und Regierung erhaltenen Mittel und Möglichkeiten mit hoher Effektivität zum Nutzen des Sports anzuwenden verstanden.

In der ersten Hälfte der achtziger Jahre vollzogen sich auch wesentliche Veränderungen bei den Trainerräten. Der Ausbau der drei Förderstufen mit ihren vier Ausbildungsetappen und die in den 70-er Jahren in einer Reihe von Sportverbänden entstandenen Ausbildungskollektive und Steueraktive erforderte zunehmend eine Neuordnung der bewährten Form der Trainerräte. Zu ihren einheitlichen inhaltlichen Schwerpunkt wurde der langfristige Trainings- und Leistungsaufbau vom Grundlagentraining bis zum Hochleistungstraining in der betreffenden Sportart mit den damit verbundenen vielschichtigen Aufgaben der Erarbeitung, Beratung und Bestätigung von Trainingskonzepten und -analysen. Einen weiteren Schwerpunkt bildeten der organisierte Erfahrungsaustausch und die Fortbildung der Trainer. Die Trainerräte standen künftig unter der Leitung der Chefverbandstrainer. Ihnen gehörten neben den Verbandstrainern die Cheftrainer der Clubsektionen, der Verbandsarzt sowie die Leiter des Wissenschaftlichen Zentrums und der sportartspezifischen Forschungsgruppe an. Für die einzelnen Ausbildungsetappen entstanden Unterkommissionen, in denen erfahrene Nachwuchstrainer zusammengeführt wurden. Auf diese Weise waren Hunderte von Trainern am Erfahrungsaustausch, am Gewinn neuer Erkenntnisse sowie an der Ausarbeitung der trainingsmethodischen Programme in ihren Sportverbänden beteiligt.

Die Turntrainer Dieter Hofmann und Reinhard Rückriem (1. und 2. von links) mit der Männer-Riege bei den Olypmischen Spielen 1988 Abb. 8: Die Turntrainer
Dieter Hofmann und
Reinhard Rückriem
(1. und 2. von links) mit der
Männer-Riege bei den Olypmischen
Spielen 1988

Durch ihre akademische Aus- und Weiterbildung an der DHfK hatte die große Mehrheit der Trainer eine positive Grundeinstellung zur Sportwissenschaft und zur Wissenschaft insgesamt gewonnen. Ihnen war der starke Einfluss der Wissenschaft als "produktiver Kraft" bei der Vorbereitung von Höchstleistungen durchaus bewusst. Dennoch gab es auch oftmals ein passives Verhalten zu den Arbeitsergebnissen der Wissenschaftler und Forscher. Die sich verstärkt entwickelnde sportartspezifische Forschung, Leistungsdiagnostik, Geräteentwicklung und vor allem die Erarbeitung von individuellen trainingsmethodischen Bestlösungen verlangten zwingend die aktive Mitarbeit der Trainer wie der Athleten in Kooperation mit den Wissenschaftlern. Trainer mussten lernen, dass sie nicht schlechthin Wissenschaft brauchen, sondern dass sie sie selbst gebrauchen und nutzen. Trainer wie Karl Hellman (Leichtathletik), Gottfried Legler (Schlittensport) oder Dieter Hofmann (Gerätturnen) waren Wegbereiter auf diesem Weg. Sie verknüpften in gewissem Maße ihre Tätigkeit als Trainer mit der des Forschers. Trainer erarbeiteten eigenständig oder gemeinsam mit Wissenschaftlern Publikationen, übernahmen einzelne Lehrveranstaltungen oder schlossen eine Promotion ab. Besonders in den 80-er Jahren entstanden Formen und Methoden der Gemeinschaftsarbeit zwischen Trainern, Sportwissenschaftlern, Sportmedizinern, Entwicklungsingenieuren und weiteren Fachkräften, die ihr Wissen und ihre Arbeitsergebnisse bündelten und sie erfolgreich für sportliche Höchstleistungen der Athleten zur Wirkung brachten.

Der Verbandstrainer im Straßensport, Wolfram Lindner, führte sowohl Olaf Ludwig (rechts) als auch die 100 Kilometer - Straßenmannschaft zum Olympiasieg in Seoul 1988 Abb. 9: Der Verbandstrainer im Straßensport,
Wolfram Lindner,führte sowohl Olaf Ludwig (rechts)
als auch die 100 Kilometer - Straßenmannschaft
zum Olympiasieg in Seoul 1988

Bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary und Seoul zeigte sich erneut, dass der Leistungssport der DDR für die Herausforderungen im internationalen Sport gut gerüstet war. Die Sportler der Olympiamannschaften der DDR erzielten nach Siegleistungen, Medaillen und Punkten (für die Plätze 1 bis 6) das bislang beste Resultat und platzierten sich jeweils auf dem 2. Rangplatz einer Nationenwertung. Für die bevorstehenden Olympischen Spiele in den 90-er Jahren bestanden solide, weitere Erfolge versprechende Ausgangspositionen!

Sie wurden durch die politische Implosion der DDR und die 1989/90 eingeleitete Wende zunichte gemacht. Binnen weniger Monate wurde das über Jahrzehnte gewachsene, erfolgreiche Leistungssportsystem zerstört. Viele Hunderte von Trainern verloren ihre berufliche Tätigkeit. Sie landeten in der Arbeitslosigkeit oder fanden in anderen Berufszweigen eine neue Arbeit oder gingen in den Vorruhestand. Das war oftmals mit schwierigen, existenzbedrohlichen Entscheidungen, Veränderungen und Schicksalsschlägen verbunden. Presseangaben zufolge, fanden nach 1990 von den über 4.000 ehemals im DTSB angestellten Trainern ca. 600 im Deutschen Sportbund (DSB), in seinen Landessportbünden und in Sportvereinen eine vollberufliche Beschäftigung. Etwa 70 hochqualifizierte Trainer, zumeist Verbands- und Auswahltrainer mit ausgeprägten Fach- und Führungsqualitäten, gingen ins Ausland, da man ihnen in Deutschland im Sport keine Beschäftigungsmöglichkeit bot. Mangelnde Finanzmittel, Stasi- oder Dopingvorwürfe dienten dabei oft nur als Vorwand um fachkompetentere Trainer als Konkurrenten zu alteingesessenen Fachkräften in gesicherten Beschäftigungsverhältnissen auszuschalten. Zwei Meinungsäußerungen von ehemaligen Spitzentrainern des DDR-Sports sprechen für sich: So äußerte der mehrfache Olympiasieger und Kanu-Weltmeister, der Verbandstrainer Rüdiger Helm, auf die Frage eines Journalisten, warum für ihn 1990 kein Platz im bundesdeutschen Kanuverband gewesen sei:
"Da wurden nach dem Ende der DDR die Pfründe neu verteilt und auch persönliche Rechnungen beglichen. Die haben mir ganz klar gesagt: Ihr habt den Krieg verloren, mit Dir arbeiten wir nicht zusammen. Basta." (Neues Deutschland vom 30./31. 12. 2006, S. 13).
Wolfram Lindner, von 1970 bis 1990 erfolgreicher Verbandstrainer Straßenradsport im DRSV, schrieb in einem Erfahrungsbericht:
"Nach der 1990 vollzogenen deutschen Einheit fungierte ich als Bundestrainer. An die Erstellung eines modernen Konzeptes, ausgerichtet auf die neuen Strukturen, war jedoch nicht zu denken. Es herrschte im Westen gegen alles, was aus dem Osten kam, Misstrauen und Ablehnung. Das gut ausgebildete und trainierte Sportlerpersonal aus den neuen Bundesländern führte zu Euphorien mit kurzer Dauer, denn in den alten Bundesländern waren die Strukturen schwach und die Trainer schlecht ausgebildet. Die Bundestrainerseminare, die ich besucht habe, versetzten mich zurück in die 60er Jahre, als ich das Niveau eines Übungsleiters der Stufe IV besaß. Die im Leistungssport des DSB herrschenden Ideologien und die Verfahrensweisen ließen mich trotz zweier erfolgreicher Jahre zu dem Schluss kommen: Das ist nicht mehr meine Welt, das musst Du Dir nicht antun." (Lindner, Wolfram: Berufsausklang: Trainer im Iran, in: Schriftenreihe Sport. Leistung. Persönlichkeit. GNN Verlag Schkeuditz, 2005, S. 13)

Hochkonzentriert - auch außerhalb des Boxrings - Verbandstrainer Günter Debert und Trainer Fritz Sdunek beim Olympischen Boxturnier 1988 Abb. 10: Hochkonzentriert - auch außerhalb
des Boxrings - Verbandstrainer Günter Debert
und Trainer Fritz Sdunek beim
Olympischen Boxturnier 1988

Ein gewaltiges geistiges Potential ging durch politische Arroganz, fehlenden Willen und Mut und auch aus sportfachlicher Inkompetenz für immer verloren. Warnende Hinweise gab es auch von ehemals Verantwortlichen des Sports in der BRD. Umso bemerkenswerter sind die Erfolge von Athleten, die aus der Schule des DDR-Sports hervorgegangen sind, bei Olympischen Spielen und internationalen Meisterschaften nach 1990. Bei den Sommerspielen von 1992 bis 2004 gewannen sie annähernd zwei Drittel der Goldmedaillen und über 55 Prozent aller Medaillen der deutschen Olympiamannschaften. Die an der DHfK in Leipzig ausgebildeten Diplomsportlehrer/Trainer hatten daran maßgeblich Anteil.

Tabelle: Qualifikation der verantwortlichen Trainer/-innen der deutschen Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen und 2006 in Turin

(aus: Artikel Gienger, Eberhard in: Leistungssport, Heft 3/2008, S. 10)

Qualifikation Turin 2006 Athen 2004 Gesamt Prozent
DHfK-Diplom 6 162236,7 %
Diplom-Trainer TA Köln 5 8 1321,7 %
Diplom-Sportlehrer/-wissenschaftler0 4 4 6,7 %
Diplomsportlehrer u. Diplomtrainer 2 1 3 5,0 %
Sportlehrer Lehramt 1 1 2 3,3 %
Berufsreitlehrer 0 2 2 3,3 %
Trainer mit A-Lizenz 2 101220,0 %
Trainer mit B-Lizenz 0 1 1 1,7 %
Trainer ohne Lizenz 0 1 1 1,7 %
Gesamt 164460