Die "Grundlinie der Entwicklung des Leistungssports in der DDR bis 1980" und der verstärkte Einsatz von Trainern in der 1. Förderstufe als ein Merkmal der weiteren Entwicklung des Trainerwesens in den 70-er Jahren

In den siebziger Jahren erfolgte die weitere Ausgestaltung des Leistungssports und des Trainerwesens auf der Basis der am 19.März 1969 beschlossenen "Grundlinie der Entwicklung des Leistungssports in der DDR bis 1980". Dieses, von einem breiten Kreis von Fachleuten vorbereitete Dokument trug in hohem Maße prognostischen Charakter, versuchte es doch über einen Zeitraum von elf Jahren die Entwicklung eines Teilbereiches der Gesellschaft voraus zu sehen und zu planen. Ein derartiges Wagnis wurde einerseits nur möglich durch den in den 60-er Jahren relativ stabilen politischen und ökonomischen Aufschwung in der DDR, der eine langfristige Planung der Volkswirtschaft durch Fünf- bzw. Siebenjahrespläne möglich machte. Andererseits hatte sich das System des Leistungssports in seinen Grundstrukturen mit drei Förderstufen bereits soweit herausgebildet, dass seine langfristige effektive Ausgestaltung möglich und erforderlich wurde.
Der Leistungssport erhielt dabei eine gewisse Vorrangigkeit gegenüber den anderen Teilbereichen der Körperkultur und des Sports.
Die Grundlinie nannte zwei Hauptrichtungen für die künftige Gestaltung des Leistungssports in der DDR:

Das stellte besonders dem im Bereich der 3. und 2. Förderstufe tätigen Trainern die Aufgabe, in diesen Sportarten den Welthöchststand anzustreben, zu erreichen und dauerhaft mitzubestimmen. In den Jahren 1969 bis 1972 erhöhte sich die Anzahl der Trainerplanstellen insgesamt um 150. Darüber hinaus verstärkte ein Teil von Trainern, die bislang im Eishockey, im Alpinen Skisport oder im Wasserball tätig waren, den Kaderstamm im Eisschnelllauf, in den Nordischen Skidisziplinen und im Sportschwimmen. Das war anfangs mit nicht wenigen subjektiven und objektiven Problemen verbunden. Doch solche Trainer wie Rudolf Schmieder, Joachim Franke, Eberhard Illing oder Lothar Oelmann und andere entwickelten sich in der Folgezeit in ihren neuen Sportarten zu erfolgreichen und anerkannten Trainerpersönlichkeiten. Trainer, die in den anderen künftig nicht schwerpunktmäßig geförderten olympischen und nichtolympischen Sportarten beschäftigt waren, setzten ihre Tätigkeit in diesen Sportarten fort. Eine Anzahl von Studenten der DHfK wurde in der Folgezeit auch für diese Sportarten ausgebildet und arbeitete danach als Verbandstrainer oder als Trainer in den entsprechenden Sektionen von Betriebssportgemeinschaften. Schließlich wurden 1978 306 der an den Kinder- und Jugendsportschulen angestellten Trainer von den Sportclubs des DTSB übernommen (Ledig: S. 9).

Nachdem in den sechziger Jahren der Aufbau der Trainingszentren und das Training der Kinder und Jugendlichen fast ausschließlich durch Übungsleiter geleistet wurden, gab es in den Beschlüssen ab 1973 "grünes Licht" für einen verstärkten Einsatz von hauptamtlichen Trainern in der 1. Förderstufe, die damals bereits bis zu 70.000 junge Sportler umfasste. Dadurch erhöhte sich der Trainerkader nahezu sprunghaft. Er steigerte sich in den drei Jahren von 1974 bis 1976 um 500 Planstellen. Im Zeitraum von 1977 bis 1980 kamen sogar 900 neue Trainerstellen hinzu. Die in Bezirkstrainingszentren und Trainingszentren eingesetzten Hoch- und Fachschulabsolventen trugen zu einer erheblichen Verbesserung der von den Sportverbänden geforderten vielseitigen sportartgerichteten Grundausbildung der talentierten Kinder und Jugendlichen bei. Da der geplante Anstieg von Trainern in der 1. Förderstufe durch diese Absolventen allein nicht abgesichert werden konnte, wurden als Sonderlösung an der Sportschule des DTSB in Werdau zwischen 1977 und 1980 über 300 Trainer in dreimonatigen Lehrgängen zusätzlich ausgebildet. Insgesamt standen damit in allen drei Förderstufen des Leistungssportsystems vollberuflich tätige Trainer zur Verfügung. In den Trainingszentren unterstützten darüber hinaus Tausende von Übungsleitern weiterhin die Arbeit der Trainer.

Die "Grundlinie" vermittelte auch auf dem Gebiet der Aus- und Weiterbildung der Sportlehrer und Trainer neue Impulse. Das Diplomsportlehrerstudium (Direkt- und Fernstudium) - Kernstück des Hochschulstudiums an der DHfK - sollte noch stärker für die Qualifizierung von Trainern genutzt werden. Das vier Jahre umfassende Studium wurde auf der Basis einer soliden zweijährigen Grundausbildung und der sich daran anschließenden Spezialisierung für die gewählte Sportart durchgeführt. Im 8. Semester erfolgte ein "Trainerpraktikum", und zwar möglichst an dem vorgesehenen Einsatzort des jeweiligen Absolventen. Dieses Vorgehen als auch die Anleitung sowohl durch Lehrkräfte und durch erfahrene Trainer vor Ort gewährleistete eine weitgehend nahtlose Überleitung der Absolventen in ihre künftige berufliche Tätigkeit als Diplomsportlehrer/Trainer in der Sportorganisation. Diese damals (und auch heute) wohl einmalige Vorgehensweise machte es erforderlich, dass die Einsatzlenkung der Studenten bereits bis zum Ende des 7. Semesters erfolgte. Natürlich musste der aus der Sicht des DTSB gezielte Einsatz neuer Trainer mit den Wünschen der Studenten in Übereinstimmung gebracht werden. Ungeachtet mancher persönlichen Probleme: Jedem Studenten konnte ein, seiner Ausbildung entsprechender, inhaltlich anspruchsvoller und sozial sicherer Arbeitsplatz angeboten werden. Beispielhaft und heute kaum vorstellbar! Nachdem ab 1972/73 die Schulsportlehrerausbildung Schritt für Schritt eingestellt wurde, konzentrierte sich die Hochschule in Leipzig in hohem Maße auf die Kaderausbildung für die Sportorganisation. Von 1977/78 an nahmen jährlich ca. 70% der Absolventen der DHfK eine Tätigkeit im DTSB auf (Rogalski, S. 114). Die durch die Ausbildung vermittelte relativ hohe Disponibilität der Absolventen hatte dabei den Vorteil, dass sie einen Wechsel von einer Förderstufe zur andern als auch den Einsatz in anderen Funktionsbereichen (z.B. als Kreissportlehrer oder als Sportlehrer im Breitensport) ermöglichte.

Die erfolgreiche Rudermannschaft der DDR zu den Olympischen Spielen 1976, in der jeder Starter eine Medaille errang, mit Cheftrainer Prof. Dr. Theo Körner (erste Reihe, 2. von links) sowie weiteren Verbands- und Clubtrainern Abb. 7: Die erfolgreiche Rudermannschaft
der DDR zu den Olympischen Spielen 1976,
in der jeder Starter eine Medaille errang,
mit Cheftrainer Prof. Dr. Theo Körner
(erste Reihe, 2. von links) sowie weiteren
Verbands- und Clubtrainern

Zu den in der Grundlinie gestellten Aufgaben gehörte auch die Einführung von Weiterbildungslehrgängen für die in den vergangenen Jahren ausgebildeten Trainer und Funktionäre des Leistungssports. Bereits 1969 begannen an der DHfK die ersten Lehrgänge. Anfangs dauerten sie acht Wochen. Später wurden sie auf Grund der Einwände vieler Trainer, die es für bedenklich hielten, zwei Monate für die Trainingsarbeit mit ihren Athleten auszufallen, auf sechs und schließlich auf vier Wochen reduziert. Wichtig war, dass alle Trainer nach ihrem Studienabschluss in eine weiterführende Fortbildung auf Hochschulniveau einbezogen wurden. Dabei galt als Regel, dass jeder der Trainer innerhalb von vier Jahren, also in jedem Olympiazyklus, einmal einen solchen Weiterbildungskurs an der DHfK besuchen sollte. Ebenso galt als verbindlich, dass alle Teilnehmer in Verbindung mit dem Lehrgang eine Belegarbeit verfassten. Neben der Vermittlung von Fachwissen und neuesten Forschungsergebnissen sowie dem Erfahrungsaustausch untereinander erwiesen sich diese Belegarbeiten als ein großer Gewinn für die Teilnehmer wie auch für die Lehrarbeit selbst.

Diese im Hochschulwesen der DDR allgemeingültigen Prinzipien der Einheit von Theorie und Praxis sowie von Aus- und Weiterbildung wurden auch im Sport durch vielfältige Maßnahmen "im Prozess der Arbeit" fortgesetzt. Die aller zwei Jahre von der Leistungssportkommission (LSK) einberufenen Konferenzen, an denen jeweils etwa 1500 Trainer teilnahmen, bildeten dabei besondere Höhepunkte. In größeren Abständen fanden Arbeitstagungen mit allen Cheftrainern der Sportclubs (1978 und 1981) bzw. mit allen Bezirkstrainern (1982) statt. Zweimal in jeden Olympiazyklus, veranstalteten die Arbeitskreise der Sportartengruppen "Wissenschaftliche Seminare", an denen die Trainer der betreffenden Sportarten aktiv beteiligt waren. Unter Verantwortung der Sportverbände fanden regelmäßig Trainerkonferenzen, Tagungen der Trainerräte sowie Ergebniskonferenzen der sportartspezifischen Forschungsgruppen vor Trainern statt. Die Sport- und Fußballclubs führten ihrerseits monatlich Weiterbildungsveranstaltungen durch. Alle diese Maßnahmen dienten nicht nur der sportpolitischen Information und der fachlichen Fortbildung. Sie waren ebenso bedeutsam für die Einbindung der Trainer in die langfristige Konzeption des DDR-Leistungssports, für ihre Motivation und für die Förderung des Erfahrungsaustausches und der Gemeinschaftsarbeit im Leistungssport.