Zur Leistungssportforschung und zu den daran beteiligten Wissenschaftseinrichtungen

Die Bezeichnung "Leistungssportforschung" kam gegen Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in der Sportwissenschaft der DDR auf. In den zentralen Beschlüssen zum Leistungssport findet man diesen Begriff erstmals in dem Beschluss vom 08.04.1969 "Die weitere Entwicklung des Leistungssports bis zu den Olympischen Spielen 1972" (14). Dort wurde unter anderen die Bildung eines "Rates für Leistungsforschung" - später unter der Bezeichnung "Arbeitsgruppe Wissenschaft der Leistungssportkommission" bekannt – vorgeschlagen. Die forcierte Entwicklung der sportartspezifischen Forschung, die Bildung des FKS und auch die verstärkte Absicherung der auf wissenschaftlichen Vorlauf ausgerichteten Forschung im Leistungssport führten nach unserer Einschätzung dazu, dass der Ausdruck "Leistungssportforschung" in den 70er und 80er Jahren zunehmend verwendet wurde. Mit ihm sollte die Gesamtheit der Forschungs- und Entwicklungsvorhaben im Leistungssport, einschließlich der dafür in den verschiedenen Struktureinheiten eingesetzten personellen, finanziellen und materiell-technischen Bedingungen gekennzeichnet werden. Eine ähnliche begriffliche Differenzierung vollzog sich auch auf dem Gebiet des Volkssports und des Schulsports, wo unter dem Terminus "Schulsportforschung" unter Verantwortung der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften und deren Arbeitsstelle Körpererziehung über viele Jahre systematische Untersuchungen zum Schulsport und zur Lehrplanentwicklung durchgeführt wurden.

Die im ersten Abschnitt erläuterten wissenschaftspolitischen und wissenschaftstheoretischen Grundsätze galten gleichermaßen für die Forschung im Leistungssport. Bedingt durch die Ausrichtung des Leistungssports auf sportliche Höchstleistungen erhielten diese Prinzipien jedoch ihre spezifische Ausprägung, ihre Vertiefung. Zielgerichtetheit und Zeitgebundenheit bestimmten maßgeblich die wissenschaftliche Tätigkeit im Leistungssport! Der Anspruch, Wissenschaft als Triebkraft zu nutzen, bedeutete vor allem, nachhaltig den erforderlichen wissenschaftlichen Vorlauf für neue sportliche Höchstleistungen zu schaffen. Für die hier tätigen Forscher und Forscherkollektive stellte sich die Aufgabe, Neuland zu betreten, neuartige Erkenntnisse und Lösungswege für die sich in hohem Tempo vollziehende Leistungsentwicklung zu gewinnen und der Praxis möglichst frühzeitig zur Verfügung zu stellen. Ein überaus hoher Anspruch an das Schöpfertum und die Zielidentifikation der im Leistungssport tätigen Wissenschaftler.

Im Sinne der Einheit von Theorie und Praxis übernahmen die in der Leistungssportforschung arbeitenden Forscher zugleich ein hohes Maß an Mitverantwortung für die Umsetzung der von ihnen gewonnenen Ergebnisse. Sie sollten die Trainer aktiv unterstützen und sie wissenschaftlich dazu befähigen, die mit der praktischen Verwirklichung verbundenen inhaltlichen und methodischen Probleme erfolgreich zu lösen. Der wissenschaftlich qualifizierte und interessierte Trainer erwies sich in diesem Prozess zugleich als enger Partner für den Forscher. Er erhielt durch ihn einen tieferen Einblick in diesen oftmals schwierigen Umsetzungsprozess, aber zugleich auch die Möglichkeit die dabei gewonnenen Erfahrungen wissenschaftlich zu verallgemeinern. Die hohe Komplexität sportlicher Leistungen und deren Struktur bedingte neben einer spezifischen disziplinären Forschung nahezu zwangsläufig eine interdisziplinäre Bearbeitung der Forschungsthemen im Leistungssport. Das betraf sowohl die sportartspezifische Forschung in den Sportarten, als auch die Bearbeitung von sportartenübergreifenden komplexen Themen. Neben der Trainingsmethodik waren besonders solche Wissenschaftsgebiete wie Sportmedizin, Sportphysiologie, Biochemie und Biomechanik, Sportpädagogik, Sportpsychologie und Sportsoziologie sowie auch Elektronische Datenverarbeitung, Elektronik und Foto-/Videotechnik gefragt. So entstanden die objektiven wie subjektiven Voraussetzungen für eine Gemeinschaftsarbeit von Spezialisten mit klar definierter Einzelverantwortung, die stark motivierte und sehr effizient war. In einem Erfahrungsbericht bewertet der langjährige Stellvertretende Direktor des FKS, A. Lehnert, die interdisziplinäre Forschung als "die wesentliche Quelle für das hohe Niveau und den Systemcharakter der Theorie und Methodik des Trainings und der gesamten Sportwissenschaft in der DDR" (11).

Abschließend sei noch auf eine weitere Besonderheit, auf die hohe Zeitgebundenheit der Forschung im Leistungssport hingewiesen. Sie orientierte sich vorrangig an dem Olympiazyklus und war mit einer durchschnittlichen Laufzeit von ca. 4 Jahren mittelfristig angelegt. Selbstverständlich gab es auch längerfristig orientierte Projekte wie die über mehrere Jahrzehnte von R. Stemmler, W. Crasselt u. a. durchgeführten Untersuchungen zur "Physischen Entwicklung der jungen Generation" oder die für mehrere Olympiazyklen geplanten Projekte "Stütz- und Bewegungssystem" und "Hypoxietraining". Vertraglich zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer vereinbart, erwartete die Praxis im Verlaufe des jeweiligen Olympiazyklus termingemäß Zwischenergebnisse und wissenschaftliche Vorleistungen. Auch die direkte Einbindung der Forscher in die ideelle und materielle Stimulierung hoher sportlicher Leistungen in der DDR war eine besondere Form der Anerkennung wissenschaftlicher Arbeit und deren Praxiswirksamkeit.


Kurze Charakteristik der in die Leistungssportforschung einbezogenen sportwissenschaftlichen Einrichtungen

Auf der Basis von Veröffentlichungen, eigener Kenntnisse und Erfahrungen sowie den uns nach Jahren noch zugänglichen archivierten Dokumenten wird der Versuch unternommen, einen Überblick über die in die Leistungssportforschung einbezogenen wissenschaftlichen Einrichtungen zu geben. Wir beschränken uns dabei auf eine kurze Darstellung ihrer Entwicklung und ihrer Aufgaben auf dem Gebiet der Forschung im Leistungssport und verzichten bewusst darauf, auf andere wichtige Funktionen der einzelnen Struktureinheiten, wie die Aus- und Weiterbildung von Sportlehrkadern, die sportmedizinische Betreuung, die wissenschaftliche Informations- und Dokumentationstätigkeit oder auf die Entwicklung von Sportgeräten und -bauten einzugehen. Aus Gründen der Machbarkeit und des zu erwartenden Umfanges bitten wir um Verständnis, dass wir grundsätzlich darauf verzichten mussten, die Forschungsleistungen der einzelnen Eirichtungen detaillierter zu bewerten. In den von uns genutzten Archiven – Bundesarchiv Berlin (DR 5 Staatssekretariat für Körperkultur und Sport und unterstellte Einrichtungen sowie DY 12 DTSB und Sportverbände) befinden sich jedoch eine relativ große Anzahl von Ergebnisberichten der Einrichtungen bzw. der Forschungsgruppen selbst. Abhängig von der Quellenlage erschien es uns angebracht, zu möglichst jeder Struktureinheit auf einzelne, uns wesentlich erscheinende veröffentlichte Beiträge und archivierte Dokumente hinzuweisen.


1. Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS)

Blick auf die Testhalle des FKS (links) sowie auf die Schwimmhalle und den Sportplatz der DHfK
Abb. 8: Blick auf die Testhalle des FKS (links) sowie auf die Schwimmhalle und den Sportplatz der DHfK

Das FKS entstand im Mai 1969 durch die Vereinigung der Forschungsstelle und des Instituts für Sportmedizin der DHfK. Damit bildete sich eine große, leistungsstarke Basis für die Forschung im Leistungssport, die zugleich die Rolle eines fachlich-inhaltlichen Leitzentrums wahrnehmen sollte. Über 5 Olympiazyklen hat das Forschungsinstitut diese Aufgabenstellung sehr erfolgreich erfüllt. Es leitete längerfristig eine Neuausrichtung der Forschung im Leistungssport ein, entwickelte eine praxisgerichtete, weitgehend komplex und interdisziplinär gestaltete Arbeit, integrierte weitere Wissenschaftsdisziplinen, baute zielgerichtet neue Forschungsgruppen auf und schuf zunehmend den erforderlichen wissenschaftlichen Vorlauf für die Spitzenleistungen der Sportler der DDR in einer wachsenden Anzahl von olympischen Sommer- und Wintersportarten. In den Mittelpunkt der Arbeit des FKS "rückte die sportartspezifische Forschung bei gleichzeitiger Herausbildung der Fähigkeiten, grundlegende und übergreifende Themen zu bearbeiten, die für die Weiterentwicklung theoretischer Positionen und Trainingskonzeptionen erforderlich waren. Zugleich wurden die Verflechtungsbeziehungen zwischen Wissenschaft und Praxis deutlich enger" (1).

Auf die sportartspezifische Forschung bezogen, erforderte das vor allem eine enge Kooperation der entsprechenden Forschungsgruppen mit den Sportverbänden des DTSB, die als Auftraggeber wirkten. In den 70er Jahren gewährleistete das FKS die Forschung in den Sportarten Leichtathletik (Sprung, Wurf und Stoß, Mittel- und Langstreckenlauf), Schwimmen, Wasserspringen, Gerätturnen, Gewichtheben, Skisprung, Skilauf, Ringen, Volleyball und Straßenradsport. Mit zeitlichen Verzögerungen kamen in den 80er Jahren solche Sportarten wie Boxen, Fechten und Bahnradsport hinzu. In allen diesen Sportarten, aber auch durch Übertragungseffekte in andere Disziplinen, erbrachte das FKS umfangreiche Forschungsergebnisse, die maßgeblich das Trainings- und Leistungsniveau in den Sportarten vorantrieben. Als Teil der Forschung und der Umsetzung gewonnener Ergebnisse wirkten die Wissenschaftler aktiv an langfristigen Trainingskonzeptionen, jährlichen Rahmentrainingsplänen, rechnergestützten Trainingsanalysen, an der komplexen Leistungsdiagnostik und Trainingssteuerung sowie an der Entwicklung von sportartspezifischen Trainings- und Messgeräten mit. Bei der Umsetzung gewonnener Erkenntnisse und neuer Konzepte spielten die Trainerräte, die Wissenschaftskommissionen, die so genannten Steueraktive der Sportverbände sowie die Arbeitskreise der Sportartengruppen, in denen die Forscher des FKS vertreten waren, eine wichtige Rolle. Hier vor allem mussten gewonnene Erkenntnisse und neue Erfahrungen verteidigt und mit Fakten und Argumenten begründet werden, um alle Praktiker zu überzogen und ein gemeinsames Vorgehen zu gewährleisten. Natürlich bestanden im Niveau und im Wirkungsgrad der sportartspezifischen Forschung auch Unterschiede zwischen den einzelnen Forschungsgruppen. Die Gründe dafür waren verschiedenartig, z.B. fehlende Fachkräfte, unzureichende Untersuchungsbasen aber auch subjektive Gründe.

Gunhild Hoffmeister bei leistungsdiagnostischen Untersuchungen
Abb. 9 und 10: Leistungsdiagnostische Untersuchungen im Mittel- und Langstreckenlauf zur Überprüfung der Funktionssysteme Herz-Kreislauf, Atmung und Stoffwechsel unter standardisierten Bedingungen. Das Bild zeigt Gunhild Hoffmeister, Medaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen 1972 und 1976.

Bestimmung des Sauerstoffaufnahmevermögens bei unterschiedlichen Schwimmgeschwindigkeiten im Strömungskanal
Abb. 11 und 12: Bestimmung des Sauerstoffaufnahmevermögens bei unterschiedlichen Schwimmgeschwindigkeiten im Strömungskanal. Im Bild die Leiterin der Forschungsgruppe Sportschwimmen Prof. Dr. Helga Pfeifer.

Der Gewichtheber Gerd Bonk, Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen 1976 und 1980, an einem elektronisch gesteuerten Krafttrainingsgerät
Abb. 13: Der Gewichtheber Gerd Bonk, Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen 1976 und 1980, an einem elektronisch gesteuerten Krafttrainingsgerät, das den Bewegungsablauf so dämpftte, dass der Athlet supermaximale Lasten ohne Gefahr heben konnte.
Roland Gehrke, Weltmeister im Ringkampf, an einem programmgesteuerten Hydraulikkraftgerät
Abb. 14: Roland Gehrke, Weltmeister im Ringkampf, an einem programmgesteuerten Hydraulikkraftgerät


Gerd-Dietmar Klause absolviert einen disziplinspezifischen Test auf dem kippbaren Laufband und testet seine Kraftfähigkeit an einem speziellen Armkraftzuggerät
Abb. 15 und 16: Gerd-Dietmar Klause, Medailliengewinner über 50 km Skilauf bei den Olympischen Winterspielen 1976, absolviert einen disziplinspezifischen Test auf dem kippbaren Laufband und testet seine Kraftfähigkeit an einem speziellen Armkraftzuggerät beim Skirollertest auf dem Laufband sowie am Zugkraftgerät

Die sportartspezifische Forschung bildete auch das Fundament für die Bearbeitung von übergreifenden und grundlegenden Forschungsprojekten. In Anlehnung an ein Interview des langjährigen Direktors des FKS, H. Schuster, mit der Fachzeitschrift "Beiträge zur Sportgeschichte" (1) seien hier die folgenden übergreifenden Hauptrichtungen zusammengefasst:

Diese Themenkomplexe wurden im Zeitraum eines oder mehrerer Olympiazyklen unter Beteiligung mehrerer Wissenschaftsdisziplinen interdisziplinär bearbeitet (2). Eine statistische Analyse des Themenplanes zur Grundlinie der Forschung im Leistungssport 1980 – 1984 ergibt unter anderem die folgendenErgebnisse:

Neben den umfangreichen Forschungsprojekten, die das FKS und seine Forschungsgruppen zu bewältigen hatten, trug es die Verantwortung als inhaltlich-fachliches Leitinstitut für den Gesamtbereich der Forschungen im Leistungssport. Das stellte das Forschungsinstitut vor weitere inhaltliche und auch zeitaufwendige wissenschaftsorganisatorische Aufgaben. So war die fachliche Koordinierung der Forschungsarbeiten des gesamten Wissenschaftspotentials im Leistungssport wahrzunehmen und das Zusammenwirken zwischen den Wissenschaftseinrichtungen, insbesondere dem FKS, der DHfK und dem SMD effektiv zu gestalten. Ein weiterer Schwerpunkt bildete die Einflussnahme auf die konzeptionelle Arbeit sowie die Bewertung des wissenschaftlich-theoretischen Niveaus und des Erkenntniszuwachses. Für neue, grundlegende Projekte mussten Kapazitäten innerhalb und außerhalb der Sportwissenschaft erschlossen werden. Und berechtigt stellte sich die Forderung, den Erfahrungsaustausch und den Meinungsstreit zwischen den Wissenschaftlern als auch zwischen ihnen und den Praxispartnern zu intensivieren. Dazu führte das FKS zahlreiche wissenschaftliche Seminare und Konferenzen zu übergreifenden als auch zu sportartspezifischen Problemen des Trainings durch. Immer wieder waren auch analytische und strategische Materialien für die Leistungssportforschung bzw. für den Leistungssport insgesamt zu erarbeiten. Unterstützt von der Leistungssportkommission, ihrer Arbeitsgruppe Wissenschaft sowie von den Fachbereichen des Staatssekretariats für Körperkultur und Sport und des DTSB leistete das FKS mit seinen etwas mehr als 600 Mitarbeitern einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der Sportwissenschaft, des Leistungssports und des Sports in der DDR.

Im Artikel 39 des Einigungsvertrages von 1990 wurde eine Übernahme des FKS vereinbart. In Wirklichkeit war es eine "Abwicklung" dieser Einrichtung und der großen Mehrheit der Mitarbeiter. Gegen den Widerstand mancher Politiker und Wissenschaftler der alten BRD kam es zwei Jahre später zur Bildung einer neuen Einrichtung, des Instituts für angewandte Trainingswissenschaft (IAT), dass auf der Basis eines Trägervereins mit damals 80 Mitarbeitern, zumeist aus dem FKS, seine Tätigkeit begann (1). Im Mittelpunkt der Arbeit des IAT steht vor allem eine prozessbegleitende Trainings- und Wettkampfforschung mit vielen Angeboten und Möglichkeiten der Leistungsdiagnostik und des Messplatztrainings.

Literatur und archivierte Dokumente

  1. Vor 50 Jahren – Gründung der Forschungsstelle an der DHfK. Gespräch mit Hans Schuster. In: Beiträge zur Sportgeschichte, Heft 22/ 2006, S.32-44
  2. Lehnert, A.: Erfahrungen bei der Organisation und Leitung interdisziplinärer Forschungsprojekte im Sport. In: Schriftenreihe Sport. Leistung. Persönlichkeit. Heft 3, S. 85 – 95
  3. Grundlinie der Forschung und Entwicklung im Leistungssport 1984 – 1988. Vorlage für die Leistungssportkommission der DDR vom 16. 5.1984. BArch. DR5/1476
  4. Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Forschungsinstitut_für_Körperkultur_und_Sport

2. Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK)

Blick auf das Eingangsgebäude der DHfK an der Friedrich-Ludwig-Jahn-Allee in Leipzig
Abb. 19: Blick auf das Eingangsgebäude der DHfK an der Friedrich-Ludwig-Jahn-Allee in Leipzig

Von Beginn an verwirklichte die DHfK ihre Aufgaben als zentrale Einrichtung der Sportwissenschaft in der DDR in Einheit von Lehre und Forschung. War in den Anfangsjahren die Forschung noch auf wenige ausgewählte Themen ausgerichtet, die häufig der Graduierung von Lehrkräften dienten, so gestaltete sich die Forschungsarbeit mit der 1956 an der DHfK gegründeten Forschungsstelle zunehmend umfangreicher, komplexer und planmäßiger. Die Forschungsstelle leistete bis 1969 eine wichtige Aufbauarbeit auf dem Gebiet der gesellschaftswissenschaftlichen, naturwissenschaftlichen und sportmethodischen Forschung. Mit der Bildung des FKS veränderten sich die entsprechenden Aufgaben der DHfK wesentlich. Neben den Forschungsprojekten außerhalb des Leistungssports (Breitensport, gesellschaftswissenschaftliche Projekte) übernahm die Hochschule ab 1973 federführend die Verantwortung für die Forschung im Nachwuchsleistungssport. Darüber hinaus zeichnete sie für die Forschung im Hochleistungs- und im Nachwuchsbereich in den Sportspielarten Fußball, Handball, Volleyball und im Kanusport verantwortlich (1). Auftraggeber der Forschung wurden die Leitungen der Sportverbände sowie die entsprechenden Fachabteilungen des Bereiches Leistungssport im Bundesvorstand des DTSB.

In den 70er und 80er Jahren konzentrierte sich die Forschung im Nachwuchsleistungssport nach S. Rahn (2) auf fünf große Komplexe, die zunehmend interdisziplinär von Fachkräften aus etwa 10 Wissenschaftsdisziplinen und in 16 Sportarten bearbeitet wurden:

In Verbindung mit diesen Forschungskomplexen entwickelte sich auch eine bilaterale Zusammenarbeit zwischen der DHfK und der Sporthochschule in Moskau, die sich hauptsächlich auf die Optimierung des Trainings sowie auf Fragen der Eignung, Sichtung und Auswahl konzentrierte. Zu den oben aufgeführten Schwerpunkten lieferten die Forschungsgruppen der Hochschule im Verlauf von mehreren Olympiazyklen eine Fülle von Untersuchungsergebnissen, Lösungsvorschlägen, pädagogischen Handreichungen und Konzeptionen, die maßgeblich und nachhaltig die Qualität des Nachwuchstrainings, die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendspartakiaden, die Einführung der Einheitlichen Sichtung und Auswahl (ESA), die Aus- und Weiterbildung der Trainer und Übungsleiter sowie die Planung und Leitung Nachwuchsleistungssports beeinflussten. Nach Angaben von Rahn befassten sich über 40 Prozent der an der DHfK angefertigten bzw. verteidigten Diplomarbeiten, Dissertationen, Habilitationsschriften und weiteren Beleg- und Hausarbeiten mit Themen des Nachwuchsleistungssports.

In diese erfolgreiche Bilanz reihen sich die wissenschaftlichen Ergebnisse der Forschung im Kanusport ein, die sich durch interdisziplinäre Arbeit, hohe Praxiswirksamkeit, die Nutzung des Strömungskanals für Kanu-Rennsport in Potsdam und eine enge Zusammenarbeit zwischen Auftragnehmer – der Forschungsgruppe im Wissenschaftsbereich Wasserfahrsport/Touristik - und Auftraggeber - dem Deutschen Kanusport Verband - auszeichnete (3).

Sportartspezifische Untersuchung am Kanuergonometer an der DHfK, 1976
Abb. 22: Sportartspezifische Untersuchung am
Kanuergonometer an der DHfK, 1976

Auch auf dem Gebiet der Sportspielforschung gab es verstärkte Anstrengungen und Fortschritte. Exemplarisch dafür seien hierzu die Forschungsthemen im Fußball für den Olympiazyklus 1984 – 1988 angeführt (4):

Auftraggeber DFV der DDR
Auftragnehmer DHfK, Sektion IV, Forschungsgruppe Fußball
Forschungskapazität: 9 VbE (Vollbeschäftigteneinheiten)

In der Grundlinie für die Forschung im Leistungssport für den Olympiazyklus 1984 bis 1988 wurde die besondere Verantwortung der Leitung der DHfK und der zuständigen Forschungsgruppen für die Sportspielforschung und deren höhere wissenschaftliche Leistungsfähigkeit hervorgehoben. Als weitere hauptsächliche Aufgaben in dieser Zeitspanne nannte die Grundlinie die Bearbeitung von Grundfragen des langfristigen Leistungsaufbaus, die stärkere Orientierung der Forschung auf das Aufbautraining sowie die Umsetzung der weiterentwickelten Konzeption für die Eignungs- und Auswahlforschung.

Bekanntlich wurde die DHfK als weltweit anerkannte Lehr- und Forschungsstätte 1990 "abgewickelt". Eine ernsthafte Prüfung ihrer umfangreichen Ergebnisse in Lehre und Forschung, Wissenschaftsentwicklung und Wissenschaftsorganisation erfolgte nicht. Die Arbeit der etwas mehr als 1000 Mitarbeiter fand nicht die verdiente Anerkennung, sondern wurde diskreditiert. 6 Proteste von Persönlichkeiten des In- und Auslandes blieben unbeachtet. Die Gründe für die Auflösung der DHFK bestanden offensichtlich in politischen Motiven, im Konkurrenzdenken und in einer von Arroganz geprägten Haltung der Verantwortlichen.

Literatur und archivierte Dokumente

  1. Lehmann, G., Kalb, L., Rogalski, N., Schröter, D., Wonneberger, G. (Hrsg.): Deutsche Hochschule für Körperkultur Leipzig 1950 – 1990.Meyer & Meyer Verlag, Aachen, 2007
  2. Schumann, K. (Hrsg.): DHfK – Leipzig 1950 – 1990 Chronologie einer weltbekannten Sporthochschule und das abrupte Ende ihrer Geschichte. DSV – Deutscher Sportverlag Köln, 2003
  3. Rahn, S.: Forschung im Nachwuchsleistungssport. In: Lehmann, G., Kalb, L., Rogalski, N., Schröter, D., Wonneberger, G. (Hrsg.): Deutsche Hochschule für Körperkultur Leipzig 1950 – 1990.Meyer & Meyer Verlag, Aachen, 2007, S. 391 - 403
  4. Lenz, J.: Der Wissenschaftsbereich Wasserfahrsport/Touristik. In: Lehmann, Kalb, Rogalski, Schröter, Wonneberger Hrsg.): Deutsche Hochschule für Körperkultur Leipzig 1950 . 1990. Meyer & Meyer Verlag, Aachen 2007, S.: 367 – 378
  5. Grundlinie der Forschung im Leistungssport 1984 – 1988. BArch. DR 5/1476, S. 28-29
  6. Gras, F.: Zur Lebensweise und Persönlichkeitsentwicklung von Leistungssportlern. In:Theorie und Praxis der Körperkultur, 1976,Heft 5, S. 336 - 340
  7. Siehe auch Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Hochschule_für_Körperkultur

3. Zentralinstitut und Hauptberatungsstellen des Sportmedizinischen Dienstes

Der bereits 1963 auf der Grundlage eines Beschlusses der Regierung gebildete Sportmedizinische Dienst der DDR (SMD) hatte vor allem die Hauptaufgabe, die sportmedizinische Betreuung der Sport treibenden Bevölkerung zu gewährleisten. So hatte jeder organisiert Sporttreibende das Recht und auch die Verpflichtung sich einmal jährlich sportärztlich untersuchen zu lassen. Über diesen Schwerpunkt hinaus übernahm der Dienst laut Statut auch die Aufgabe "sportmedizinische Themen im Rahmen staatlicher Forschungspläne" zu bearbeiten (1). Den Sportärztlichen Hauptberatungsstellen sowie dem Zentralinstitut des SMD in Kreischa bei Dresden fiel in den Folgejahren die Verwirklichung dieser Aufgabe zu, während die Leitung des Dienstes die Führung und Koordinierung der entsprechenden Forschungsvorhaben gewährleistete. Über mehrere Olympiazyklen stand dabei das übergreifende Forschungsthema "Steigerung der Belastbarkeit des Stütz- und Bewegungssystems" (SBS) im Mittelpunkt. In Kooperation mit dem FKS und der DHfK übernahm das Zentralinstitut des SMD federführend die Bearbeitung dieses für die Optimierung der Trainingsgestaltung, der Prophylaxe und der Wiederherstellung der Sportler so bedeutsamen Themas. Mit dem Ziel den Wirkungsgrad spürbar zu erhöhen, wurden ab 1980 in Kreischa weitere sportmedizinische und sportmethodische Fachkräfte eingesetzt, die Voraussetzungen hinsichtlich der Erfassungs-, Rechen- und Auswertetechnik verbessert sowie eine neuartige Messplattform und entsprechende Untersuchungsmethoden entwickelt. Die drei Wissenschaftseinrichtungen konzentrierten sich auf abgestimmte Forschungsschwerpunkte. Während Kreischa für die Vorbereitung von wissenschaftlich begründeten Prophylaxe- und Therapieprogrammen sowie für Maßnahmen zur Wiederherstellung des Stütz- und Bewegungssystems nach hohen Belastungen verantwortlich zeichnete, konzentrierte sich das FKS auf die epidemiologische Erforschung der Ursachen von SBS-Schädigungen und die dazu erforderlichen diagnostischen Verfahren. Die Spezialisten der DHFK erkundeten mit ihren Untersuchungen wesentliche Anpassungsmechanismen des Stütz- und Bewegungssystems und wirkten dabei mit medizinischen Einrichtungen außerhalb des Sports zusammen (2). Im Ergebnis dieses Vorgehens entstanden für Sportler, Trainer und Sportärzte wichtige trainingsmethodische Empfehlungen für eine optimale Belastungsgestaltung und Standards für die Prophylaxe des SBS, die in allen Trainingsetappen und in allen Sportarten konsequent angewendet werden sollten.

Über dieses wichtige übergreifende Thema hinaus zeichneten der SMD und sein Zentralinstitut auch für die sportspezifische Forschung im Marathonlauf und im Gehen sowie im Biathlon verantwortlich. Auftraggeber waren der Leichtathletikverband und der Skilaufverband. Bei Anerkennung der sportmedizinischen Ergebnisse in der prozessbegleitenden Leistungsdiagnostik, zeigten sich in den 80er Jahren zunehmend auch Schwächen in der trainingsmethodischen Bearbeitung der Projekte. Es fehlte neben den vorhandenen Sportmedizinern insbesondere an Trainingsmethodikern und an einer modernen spezifischen Mess- und Untersuchungsbasis (mit kippbaren Laufbändern und rechnergestützten Biotestgeräten) in oder in der Nähe von Kreischa. Über diese Hauptprojekte des Zentralinstituts hinaus, wirkten mehrere Sportärztliche Hauptberatungsstellen der Bezirke (u. a. Berlin, Leipzig, Rostock) an weiteren Forschungsthemen des Leistungssports mit. Die Übernahme der sportartspezifischen Forschung und der Aufbau einer Forschungsgruppe im Eisschnelllauf durch die SHB der Sportvereinigung Dynamo soll an dieser Stelle genannt und positiv hervorgehoben werden.

Das am Zentralinstitut in Kreischa bestehende Doping-Kontroll-Labor befasste sich schwerpunktmäßig mit der Analyse von Dopingkontrollproben anlässlich von wichtigen nationalen und internationalen Wettkämpfen, mit so genannten Ausreisekontrollen von Athleten der DDR sowie mit der Weiterentwicklung der Dopinganalytik. 1977 erhielt das Labor den Status eines selbstständigen Labors und entwickelte sich zu einem international anerkannten Kontrolllabor, ausgestattet mit modernster Untersuchungstechnik. Neben dem Argument, dass das in der DDR für alle Bereiche des Sports aufgebaute System der sportmedizinische Betreuung nicht in die Strukturen der BRD passen würde und keineswegs finanzierbar sei, waren es auch die von den Medien ständig verbreiteten Un- und Halbwahrheiten über ein flächendeckendes, sportmedizinisch gestütztes Doping, die zu einer rigorosen Beseitigung der Sportmedizin insgesamt führten. Alle in der DDR bestandenen 227 sportärztlichen Beratungsstellen in den Kreisen und Bezirken wurden aufgelöst, ebenso das Zentralinstitut des SMD und weitere Einrichtungen. Berechtigt spricht der renommierte Sportmediziner K. Gottschalk von einem in der DDR gewachsenen sportmedizinischen Betreuungssystem als einer beispielhaften "gesamtgesellschaftlichen Errungenschaft", die "ab 1990 in den deutschen Einigungsprozess" eingebracht, "ein gesamtgesellschaftlicher Gewinn von historischen Wert gewesen" wäre (3).

Literatur und archivierte Dokumente

  1. Statut des Sportmedizinischen Dienstes der DDR vom 1. 9. 1963. In: GBl. 1963 II, Nr. 87, S. 695
  2. Einschätzung der Leistungssportforschung des Zentralinstituts des SMD im Jahr 1986. Vorlage für die Arbeitsgruppe Wissenschaft vom 3.1.1986. BArch. DR 5/1749
  3. Gottschalk, K. : Wie die Sportmedizin der DDR "abgewickelt" wurde. In: Beiträge zur Sportgeschichte, Heft 23, 2006, S. 71 – 76

4. Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte (FES)

Die von der FES entwickelte 'Olympiaflotte' im Rudern zu den Olympischen Spielen 1988
Abb. 23: Die von der FES entwickelte "Olympiaflotte" im Rudern zu den Olympischen Spielen 1988. hier im Bilder, der Vierer mit Steuerfrau mit Martina Walther, Gerlinde Doberschütz, Sylvia Müller, Carola Hornig und Birte Siech, die in Seoul den 1. Platz erkämpften

Als eigenständige Einrichtung und unter den Namen "Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte" wurde das FES im März 1965 gegründet. Es unterstand dem damaligen Staatlichen Komitee für Körperkultur und Sport beim Ministerrat der DDR und hatte seinen Sitz in Berlin-Schöneweide. Das FES baute dabei auf die seit 1962 bestehende Entwicklungsabteilung für Sportgeräte der DHfK auf. Die Aufgabenstellung des FES bestand darin, durch eine praxis- und vorlaufgerichtete Forschungs- und Entwicklungsarbeit in Sportarten, in denen das Sportgerät einen leistungsmitbestimmenden Einfluss hatte, hochmoderne, dem Welthöchststand entsprechende Sportgeräte für Training und Wettkampf zu entwickeln und in Kleinserien zu fertigen. In Verbindung damit waren die erforderlichen Mess- und Rechenverfahren sowie messtechnischen Systeme zu erarbeiten bzw. aufzubauen. Das FES löste diese Aufgaben gemeinsam mit anderen Wissenschaftseinrichtungen der Leistungssportforschung sowie durch eine enge Zusammenarbeit mit Betrieben und Kombinaten der Volkswirtschaft der DDR. Schon frühzeitig setzte sich im FES die Auffassung durch, dass bei der Entwicklung von Sportgeräten vor allem das System von Sportler und Gerät in den Mittelpunkt der Arbeit gestellt werden muss. Vor allem die konsequente Anwendung dieses Arbeitsprinzips garantierte die Anfertigung optimaler, individuell angepasster Einzelgeräte von Spitzenniveau in den betreffenden Sportarten.

Bereits in der ersten Hälfte der 60er Jahre begannen die Entwicklungsarbeiten in den Wasserfahrsportarten Rudern, Kanu und Segeln. In diesen Sportarten führte der Ersatz des Holzes durch glasfaserverstärkte Kunststoffe sowie die Einführung der Leichtbauweise durch die Sandwichwabentechnologie zu einer deutlichen Verbesserung der Boote in diesen Sportarten. Ab 1968 kam die Sportart Schlittensport hinzu. Die von der FES entwickelten Einsitzer- und Doppelsitzerschlitten bewährten sich überzeugend bei den Olympischen Winterspielen 1972 in Sapporo - alle in dieser Sportart möglichen Medaillen wurden von den Athleten des DDR-Verbandes errungen. In den siebziger Jahren erweiterte sich der Kreis der von der FES betreuten Sportarten um Bobsport und Radsport.

Der in der DDR entwickelte und gefertigte Zweierbob, mit dem Wolfgang Hoppe und Bogdan Musiol bei den Olympischen Winterspielen 1988 'Zweite' wurden
Abb. 24: Der in der DDR entwickelte und gefertigte Zweierbob, mit dem Wolfgang Hoppe und Bogdan Musiol bei den Olympischen Winterspielen 1988 'Zweite' wurden

Im Zusammenwirken mit dem Kombinat Textimaforschung Malimo gewährleistete das FES in den achtziger Jahren die zunehmende Anwendung von faserverstärkten Kunststoffen und entwickelte mit dem Scheibenlaufrad und dem ersten durch Carbonfasern verstärkten Fahrradrahmen Rennmaschinen, mit denen die besten Straßenradsportler der DDR bei den Olympischen Spielen 1988 im 100 km Mannschaftszeitfahren zum Sieg fuhren. Im Jahresbericht des FES 1986 wurden die zum damaligen Zeitpunkt erbrachten wissenschaftlich-technischen Leistungen stichwortartig wie folgt zusammengefasst:

Ende der achtziger Jahre verfügte das FES in Berlin sowie in den Außenstellen Potsdam und Niederlehme über 180 Planstellen für Ingenieure, Techniker und weitere Mitarbeiter. Nach der Wende waren natürlich die betreffenden Sportverbände der BRD, der damalige Deutsche Sportbund und das für den Sport zuständige Bundesinnenministerium sehr interessiert, die über mehrere Jahrzehnte so erfolgreich arbeitende FES zu übernehmen. Bei Beibehaltung des Kürzels FES arbeitet es heute unter dem Namen "Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten" umstrukturiert und als Teil des Trägervereins IAT/FES e.V. mit 50 Mitarbeitern.

Literatur und archivierte Dokumente

  1. Bericht über den Stand der Sicherung der erforderlichen Olympiageräte und Materialien in den Sommersportarten vom 7.3.1988. BArch. BR 5/1349
  2. Internet: http://www.fes-sport.de/chronik.htm

Skiroller und Zugkraftmessgerät - zwei am FKS entwickelte Trainings- bzw. Messgeräte
Abb. 25: Skiroller und Zugkraftmessgerät - zwei am FKS entwickelte Trainings- bzw. Messgeräte

5. Sektionen für Sportwissenschaften an den Universitäten Berlin, Jena und Halle sowie weitere Einrichtungen

Von den acht an Universitäten in der DDR bestehenden Sektionen für Sportwissenschaften (SSW), deren hauptsächliche Aufgabe in der Ausbildung von Sportlehrern für die Schule bestand, waren drei als Kooperationspartner in der Leistungssportforschung tätig. Es waren die Sektionen an der Humboldt-Universität Berlin im Rudersport, an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Schlitten- und Bobsport sowie an der Martin-Luther-Universität in Halle im Sprintbereich der Leichtathletik. Im Zusammenwirken mit den entsprechenden Sportverbänden und weiteren Kooperationspartnern leisteten diese SSW über Jahre eine erfolgreiche sportartspezifische wissenschaftliche Arbeit. Themenumfang und Wirkungsgrad der dieser Arbeit wiesen dabei Unterschiede auf.

Im Rudern gab es die einmalige Lösung, dass der Sportverband Auftraggeber und zugleich auch Auftragnehmer der sportartspezifischen Forschung war. Nachdem sich zeigte, dass das WZ des DRSV, neben den für alle Wissenschaftlichen Zentren gültigen Aufgaben, mit der Organisation und Koordination der Forschung zunehmend überfordert war, wurde Anfang der achtziger Jahre ein eigenständiger Bereich Forschung und Entwicklung im Rudersportverband gebildet. Er gewährleistete im Auftrage der Leitung des Verbandes die Zusammenarbeit mit den in die "Kooperationsforschung Rudern" einbezogenen wissenschaftlichen, sportmedizinischen und technischen Einrichtungen. Wichtige Partner waren die Sektion Sportwissenschaft der Berliner Humboldt-Universität, die Sportärztlichen Hauptberatungsstellen Berlin und der Sportvereinigung Dynamo, die Wissenschaftsdisziplin Rudern an der DHFK sowie die FES. Die SSW bearbeitete vorrangig erziehungswissenschaftliche, trainingsmethodische und biomechanische Themen im Hochleistungsbereich. Sportmedizinische Fragestellungen wurden durch Mitarbeiter der Sportärztlichen Beratungsstellen Berlin und der Sportvereinigung Dynamo untersucht. Die Spezialisten der DHfK forschten im Nachwuchsbereich zum Thema "Optimierung des Trainingsprozesses im Rudern unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklung des technisch-koordinativen Faktors". Und das FES zeichnete in Partnerschaft mit dem VEB Yachtwerft Berlin für die Entwicklung und Fertigung der Boote der Olympiaflotte verantwortlich. Die trainingsmethodische Forschung konzentrierte sich schwerpunktmäßig auf analytische und experimentelle Untersuchungen, auf die komplexe Leistungsdiagnostik, auf Leistungstests im Ruderergometer und auf Messbootfahrten. Es entstand eine über viele Jahre effektive interdisziplinäre Forschung mit einem hohen Wirkungsgrad auf die Trainings- und Leistungsentwicklung.

Bau eins ersten Ruderbootes in Wabenbauweise auf Initiative des Leipziger Rudertrainers Weissig durch den VEB Flugzeugwerke Dresden 1959/60
Abb. 26 & 27: Bau eins ersten Ruderbootes in Wabenbauweise auf Initiative des Leipziger Rudertrainers Weissig durch den VEB Flugzeugwerke Dresden 1959/60

Auch im Schlitten- und Bobsport entwickelte sich unter Führung des Sportverbandes eine leistungsfähige interdisziplinäre Forschung. Träger der beiden Forschungsgruppen Schlittensport und Bobsport war die SSW Jena. Außerdem bestand eine dritte Forschungsgruppe, die im Schlittensport Probleme des Nachwuchstrainings sowie der Sichtung, Eignung und Auswahl untersuchte. Die Sektion setzte dafür Wissenschaftler und Forschungsstudenten ein, die sowohl trainingsmethodische, mathematisch-biomechanische als auch sportmedizinische Aspekte zu ausgewählten Fragestellungen bearbeiteten. Im Zeitraum 1984 – 1988 standen zum Beispiel im Bobsport folgende Themen im Mittelpunkt:

Auftraggeber: DSBV der DDR
Auftragnehmer: Friedrich-Schiller-Universität Jena, Sektion Sportwissenschaft, Forschungsgruppe Bobsport, Forschungskapazität: 5,4 Vollbeschäftigt

Die Felduntersuchungen fanden zumeist auf der Schlitten- und Bobbahn in Oberhof statt - hier hatte auch das Wissenschaftliche Zentrum seinen Sitz. Wie im Rudern, so besaß die Entwicklung und Fertigung modernster Trainings- und Wettkampfgeräte auch im Schlitten- und Bobsport höchste Priorität. Diese Aufgaben wurden gleichfalls über mehrere Olympiazyklen sehr erfolgreich durch die Forschungs- und Entwicklungsstelle in Berlin gelöst.

Verglichen mit den Bedingungen und Ergebnissen der SSW im Rudern und im Schlitten- und Bobsport waren die Voraussetzungen für eine leistungswirksame Forschung im leichtathletischen Sprint und Hürdenlauf durch die SSW in Halle bescheidener. Der Mangel an Trainingsmethodikern und das Fehlen einer modern ausgestatteten Untersuchungs- und Messbasis (vorgesehen an der Sportschule Kienbaum) schränkten von Beginn an die Leistungsfähigkeit der Forschung ein (Vgl.: Protokoll der AG Wissenschaft vom 29.5.1989). Die Einbindung der Forschungsgruppe in Lehrgänge der Auswahlkader und dort durchgeführte Leistungstests und Trainingsmitteluntersuchungen erwiesen sich als nützlich und förderten insbesondere den Wissens- und Erfahrungsaustausch der Trainer und Wissenschaftler.

Für die Forschungsarbeit im Segeln konnte die Ingenieurschule für Seefahrt (IHS) in Warnemünde/Wustrow als Auftragnehmer gewonnen werden. Weitere Kooperationspartner waren das Wissenschaftliche Zentrum des Verbandes, die Wissenschaftsdisziplin Segeln der DHfK, die Sportärztliche Beratungsstelle Rostock sowie die FES als Auftragnehmer für die Boots- und Geräteentwicklung. Ungeachtet mancher personeller und auch räumlicher Probleme an der IHS stellten sich die einbezogenen Wissenschaftler und Techniker engagiert einer Reihe von Themen, wie der Ermittlung von leistungsbestimmenden Faktoren zur Verbesserung des Trainings, der Objektivierung der segelsportlichen Leistung im Training und im Wettkampf, der Steuerung der psychophysischen Trainings- und Wettkampfbelastung oder der Gewinnung sportartspezifischer Kenntnisse über örtliche Strömungen in der Luft und im Wasser sowie den Möglichkeiten ihrer meteorologischen Voraussage. Über die Optimierung der Boote und des Materials wurden im Abschnitt FES bereits Angaben gemacht.

Im Sportschießen entstand durch die aktive Unterstützung der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) und des Sportschützen-Verbandes eine personell und gerätetechnisch relativ gut ausgestattete Forschungsbasis. Auch die Sportclubs der GST verfügten über eine relativ umfangreiche Ausstattung an Messgeräten, die eine den Trainingsprozess begleitende Objektivierung einzelner leistungsbestimmender Faktoren ermöglichten. Träger der Forschung war eine Gruppe mit 10 wissenschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Mitarbeitern. Zwei Schwerpunkte standen für den Zeitraum 1984 bis 88 im Mittelpunkt der sportartspezifischen Forschung:

In Verbindung damit galt es, die umfangreich erhobenen Leistungsdaten verstärkt mit dem durchgeführten Training zu vergleichen und die Wechselwirkungen zwischen Ursache und Wirkung zu ermitteln. Durch zusätzliche psychologische und sportmedizinische Untersuchungen sollte die Forschung komplexer und interdisziplinär ausgerichtet werden. (Vgl. Vorlage der Abteilung Leistungssport des Zentralvorstandes der GST vom 28.1.1983 an die AG Wissenschaft).


6. Wissenschaftliche Zentren der Sportverbände (WZ)


Abb. 28, 29 und 30:  Ein Blick in die Schwimmhalle an der Sportschule des DTSB in Lindow (Brandenburg), in der im Rahmen von Trainingsmittelunter- suchungen u.a. auch Unterwasser- aufnahmen und Messungen der Absprungkraft am Startblock von Schwimmerinnen und Schwimmern durchgeführt wurden

Die wachsende inhaltlich-methodische Verantwortung der Sportverbände im DTSB für die Ausbildung und Erziehung der Leistungssportler und ihr Zusammenwirken mit den vorhandenen sportwissenschaftlichen Einrichtungen machte es bereits in den sechziger Jahren notwendig, bei den Sportverbänden entsprechende Arbeitsorgane zu schaffen. Im Leistungssportbeschluss vom 10.8.1965 hieß es dazu: "Zur Verstärkung der sportartspezifischen wissenschaftlichen Arbeit, insbesondere der Forschung, der Verbesserung der Informations- und Dokumentationstätigkeit sowie der sportfachlichen Qualifizierung des Lehrkaders sind in den olympischen Sportverbänden im Zeitraum 1965/66 wissenschaftliche Zentren aufzubauen, die je nach der Größe des Verbandes mit einer entsprechenden Anzahl von wissenschaftlichen und technischen Mitarbeitern besetzt werden"(1). Nach dem Beschluss sollten die Zentren ursprünglich auch die sportartspezifische Forschung aufbauen und tragen. Diese Festlegung wurde später als unrealistisch korrigiert, hätte doch eine derartige Lösung zu einer Zersplitterung der vorhandenen begrenzten Kapazitäten sowie zu einer Aufspaltung der Forschung zu übergreifenden Fragen auf das damalige Staatliche Komitee für Körperkultur und die DHfK und zur sportartspezifischen Forschung auf die Sportverbände des DTSB und deren WZ geführt. Künftig wirkten die Wissenschaftlichen Zentren vor allem als "wissenschaftlich-operative Arbeitsorgane der Sportverbände"(2). Sie waren für die breite Umsetzung des wissenschaftlich-methodischen Fortschritts in den jeweiligen Sportverbänden zuständig. Das schloss solche Aufgaben wie die zentrale Planung und Analyse des Trainings und der Leistungsentwicklung der Auswahl- und Nachwuchskader, die Heranführung der Trainer an schöpferische wissenschaftliche Arbeit, die Verallgemeinerung des Erfahrungswissens der Trainer, die Organisation ihrer regelmäßigen fachlichen Weiterentwicklung und die Erarbeitung und Nutzung von Bild-, Film- und Videomaterial ein. Gegenüber den bei den Wissenschaftseirichtungen bestehenden sportartspezifischen Forschungsgruppen nahmen die WZ im Auftrag der jeweiligen Verbandsleitungen auch Rechte und Pflichten des Auftraggebers wahr. Sie zeichneten für "die Koordinierung der sportartspezifischen Forschung" und für die wirksame Umsetzung der Ergebnisse der Forschung gemeinsam mit den Forschungspartnern verantwortlich. Sie wirkten an den zu erarbeitenden Leistungsverträgen und Forschungskonzeptionen mit, bereiteten gemeinsame Ergebniskonferenzen vor, unterstützten die Vorbereitung und Durchführung von Trainingsexperimenten mit Sportlern der Verbände und wirkten bei der Entwicklung neuer Trainings-, Wettkampf- und Messgeräte mit.

In den achtziger Jahren bestanden in den schwerpunktmäßig geförderten olympischen Sommer- und Wintersportarten 20 Wissenschaftliche Zentren. Sie verfügten über 145 Planstellen für Trainer und Mitarbeiter sowie über 48 Planstellen für wissenschaftlich technische Kräfte.

Literatur und archivierte Quellen

  1. Beschluss vom 10.08.1965 "Weitere Entwicklung des Leistungssports bis 1972" Quelle: BArch. SAPMO DY 30/J/IV 2/2, S. 22-23
  2. Beschluss des Sekretariats des DTSB über die WZ-Arbeit vom 10.06.1981 Quelle: BArch. SAPMO DY 12/12338, S. 1-5
  1. Die Bezeichnung des Staatsplanthemas 14.25 bezog sich dabei ausschließlich auf die Forschung des FKS in Zusammenarbeit mit anderen staatlichen Wissenschaftseinrichtungen und Volkseigenen Betrieben außerhalb des Sports und nicht, wie z.B. bei Wikipedia (4) ausgeführt, auf die Organisation und Anwendung von Dopingmitteln in der Sportpraxis selbst.
  2. Nach Angaben der im Staatssekretariat zuständigen Abteilung waren im Herbst 1989 1069 Mitarbeiter, davon ca. 600 wissenschaftliche Mitarbeiter, an der DHfK tätig. Der für 1989 bestätigte Lohnfonds betrug 16,6 Millionen Mark der DDR. Entsprechend dem Haushaltplan standen für die geplanten Ausgaben ohne Investitionen insgesamt 38,7 Millionen Mark zur Verfügung. Siehe: Schumann, K. (Hrsg.): DHfK – Leipzig 1950 – 1990. DSV – Deutscher Sportverlag Köln, 2003, S. 118