Olympische Spiele Peking 2008 – eine Nachbetrachtung aus anderer Sicht

Was ist aus dem Erbe des erfolgreichen DDR-Sports geworden?

Vizepräsident Gienger hat auch dazu eine Antwort parat. Kurz vor Beginn der Spiele erklärte er auf die Frage eines Journalisten nach den Erfolgsaussichten in der Leichtathletik, einst, so der Journalist "das Zugpferd des deutschen Sports": "Das DDR-Erbe ist inzwischen total aufgebraucht, und der Übergang vom Junioren- in den Erwachsenenbereich gelingt längst nicht wie gewünscht." (Vgl.: Webseite des DOSB vom 30.07.08).
Jetzt wissen wir es: Die DDR ist Schuld, sie hätte noch mehr Spitzensportler hinterlassen sollen, die auch heute nach 20 Jahren immer noch Medaillen für den deutschen Sport hätten bringen können. Immerhin: 2004 in Athen trugen Athleten, die aus der "Schule des DDR-Leistungssports" hervorgingen, noch 62,5 Prozent der Goldmedaillen, 55 % der Silbermedaillen und 30% der Bronzemedaillen zum Gesamtergebnis bei. (vgl. Horatschke, Helmut: Athen 2004 – eine sportliche Bilanz. In: Beiträge zur Sportgeschichte, Heft 19/2004).
Doch noch interessanter an der oben zitierten Aussage ist nach meinem Ermessen, wie einseitig das Erbeverständnis des Bundestagsabgeordneten und Sportfunktionärs Gienger ist. Erbe des DDR-Sports, das sind für ihn ausschließlich die Sportler und deren zeitlich begrenzte nutzbare Leistungen!
Und die Trainer, die erstrangig hinter den Leistungen der Sportler stehen? Die Sportwissenschaftler und Techniker, die heute am Institut für angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig bzw. an der Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte in Berlin erfolgreich wirken. Oder die Tausende von Übungsleitern, Sportlehrern und Betreuern, die an der Basis noch immer für den Breiten- und Schulsport tätig sind. Und die Sportstätten, Sportschulen und KJS? Und nicht zuletzt - dieser umfangreiche Schatz an wissenschaftlichen Erkenntnissen und bewährten Erfahrungen, der in Form von Forschungsberichten, Diplom- und Doktorarbeiten sowie als Belegarbeiten von Hunderten von Trainern weitgehend ungenutzt brach liegt. Das alles ist Erbe des DDR-Sports! Ein großes, umfangreiches Erbe! Von hohem Wert sind auch die schlüssigen, wissenschaftlich fundierten Konzepte der erfolgreichen Sportverbände und des Leistungssports insgesamt. Sie könnten nach meiner Auffassung noch immer bei der Suche nach den Ursachen und nach Lösungen im heutigen Leistungssport manche hilfreiche Einsicht vermitteln. Ihre Stützpfeiler bestanden – natürlich in starkem Maße begründet in der gesellschaftlichen Stellung und Förderung des Sports in der DDR - vor allem:

Doch an solchen und anderen inhaltlichen Denkanstößen besteht kein Interesse. Die in den letzten Wochen nach den Olympischen Spielen geführten Diskussionen lassen befürchten, das es vor allem wieder um Geld, um mehr Geld, aber nicht um Inhalte, um neue, bessere Konzepte und deren Durchsetzung gehen wird. Manche "Meinungsmacher" haben schon wieder die altbekannten Grenzpflöcke in den Boden gerammt: Ja keine Zentralisierung und an den bewährten föderalistischen Strukturen und der Vereinsmeierei darf auch nicht gerüttelt werden. Kreativität, Anstöße von außen, Kritik, Offenheit für neue Lösungen bleiben wahrscheinlich wieder auf der Strecke.
In den Gesprächen über die Zusammenführung der beiden deutschen Nationalen Olympischen Komitees im September 1990 mahnte der langjährige Präsident des NOK der Bundesrepublik Willi Daume: "Die Nachwelt wird es uns nie verzeihen, wenn wir den stolzen DDR-Sport kaputt machen." (Quelle: Archiv Volker Kluge)

Mein Fazit: Politische Arroganz der Sieger, der mangelnde Wille und die teilweise Unfähigkeit haben es seit 1990 vielfach verhindert, mit dem Erbe, das dem Sport der alten BRD durch die Implosion der DDR in den Schoß gefallen ist, sorgfältig und klug umzugehen. Ausnahmen wie im Kanurennsport oder in einigen Wintersportarten bestätigen nur die Regel.