Olympische Spiele Peking 2008 – eine Nachbetrachtung aus anderer Sicht

Zu den Ergebnissen der deutschen Olympiamannschaft

Bekanntlich belegte die deutsche Mannschaft in einer Medaillenwertung, die von der Anzahl der errungenen Goldmedaillen ausgeht, einen 5. Rang. In Peking waren es 16 dieser Medaillen, bei den Spielen 2004 13. Allein auf Grund dieser Steigerung an ersten Plätzen wird das Abschneiden der deutschen Mannschaft als Erfolg gewertet. Auf der Internetseite des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) vom 25. 8. liest sich das folgendermaßen:
"Abwärtstrend gestoppt, Ziele erreicht – die Olympia-Bilanz des deutschen Teams fällt nach 16 Tagen positiv aus".
Der im DOSB für den Leistungssport zuständige Vizepräsident Gienger, in den 70-ger Jahren Weltmeister im Turnen und heute für die CDU Mitglied des Bundestages, spricht sogar von einem "großen Erfolg" und hebt neben den errungenen Gold-, Silber- und Bronzemedaillen "insbesondere die zahlreichen vierten Plätze und Finalplatzierungen hervor". Dass in Sydney 2000 56, in Athen 47 Medaillen und in Peking aber nur 41 erreicht wurden, dass bleibt nahezu unerwähnt. Ähnlich wie Gienger äußerten sich auch der Chef de Mission, Michael Vesper und der Leistungssport-Direktor im DSOB, Bernhard Schwank. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zitiert Schwank. "Wir haben lieber 16 goldene als mehr andere Medaillen." Der Artikelschreiber schließt daraus: "Mehr Gold, mehr Geld" (FAZ vom 25.08.08, Seite 26).
Um nicht missverstanden zu werden: Mit großen Interesse habe ich das Auftreten gerade auch der deutschen Teilnehmer bei den Olympischen Spielen verfolgt. Mein Glückwunsch und meine Anerkennung gilt allen Athleten, die in den Wettkämpfen ihr Bestes gegeben haben und um persönliche Bestleistungen, gute Platzierungen und um den Sieg gekämpft haben.
Hier aber geht es um eine sachliche Bewertung des Gesamtergebnisses der deutschen Mannschaft. Da kann und muss man bei aller Freude über das Erreichte vor allem Realitätssinn, Sachkenntnis und die Fähigkeit zu einer kritischen Bewertung der eigenen Leistungen erwarten. Im Leistungssport der DDR waren wir gegen eine einseitige Fixierung auf Goldmedaillen. Das, so unsere Auffassung, wertet zwangsläufig die Leistungen aller Platzierten in einer nicht vertretbaren Weise ab. In einer Medaillenwertung wie sie bei uns über viele Jahre üblich war, gingen alle Medaillen mit 7 Punkten für den ersten, 5 für den zweiten und 4 Punkten für den dritten Platz ein. Übrigens, so war in der Presse zu lesen, macht man das in den USA auch heute noch ebenso. Parallel dazu gab es bei uns eine Punktewertung der ersten sechs Plätze. Damit sollte die Leistungsdichte in der Spitze je Wettkampfdisziplin, je Sportart und Land besser erfasst und eine differenzierte Wertung ermöglicht werden.
Legt man eine derartige Bewertung zugrunde, so wird deutlich:

Natürlich ist es sehr erfreulich, dass die Sportler und Sportlerinnen der so genannten Randsportarten bei den Olympischen Spielen in Peking aus den Schatten, der sie zumeist vier Jahre lang wegen mangelnder Fernsehpräsenz umgibt, traten und mit ihren Leistungen für Aufmerksamkeit, ja für Furore sorgten. Das kann jedoch in keiner Weise über die insgesamt kritische Lage in der Mehrzahl der anderen Sportarten hinwegtäuschen.
Der Sportkommentator Rudi Cerne, selbst einmal ein erfolgreicher Eiskunstläufer, brachte es auf die einfache Formel: "Randsportarten Top, Kernsportarten Flop."
Unser Resümee lautet:
Der langfristige Abwärtstrend des bundesdeutschen Leistungssports seit den Olympischen Spielen 1992 hielt auch im Olympiazyklus von 2004 bis 2008 weiter an. Er betrifft vor allem die großen olympischen Kernsportarten, aber auch solche traditionsreichen Sportarten wie Rudern, Boxen, Radsport und andere. Durch die Siegleistungen von Sportlern in einigen Randsportarten fiel das Ausmaß der Abwärtsentwicklung insgesamt etwas geringer aus als in den vorangegangenen Olympiazyklen.

An dieser Stelle stellt sich für mich zwangsläufig die Frage: Was ist aus dem Erbe des erfolgreichen DDR-Sports geworden?