Olympische Spiele Peking 2008 – eine Nachbetrachtung aus anderer Sicht

Zu einigen Gefahren und Problemen Olympias und der Olympischen Spiele

In Übereinstimmung mit dem IOC hatte das chinesische Organisationskomitee die Pekinger Spiele unter das Motto gestellt "Eine Welt, ein Traum". Ein phantasievolles, ein ausdeutbares Motto.
Doch eine Welt und ein Traum, das konnten die Spiele in Peking nicht bieten. Zu stark waren die Einflüsse der Politik in dieser von Machtkämpfen und Kriegen zerrissenen Welt. Der am Tage der Eröffnung von Georgien gestartete Angriff auf Südossietien ist ein blutiges Fanal dafür. Und auch Olympia selbst bewegt sich permanent in einem Spannungsfeld von Widersprüchen, Auswüchsen und Problemen. Sie stehen zum Teil seit Jahren als Herausforderung vor dem IOC und der olympischen Bewegung und wirkten im Vorfeld als auch während der Spiele auf diese ein. Sie können und dürfen deshalb in einer Nachbetrachtung aus meiner Sicht nicht ausgespart bleiben.

  1. Das IOC, ihre weltweit agierenden Sponsoren und Partner, die Sportartikelhersteller und viele andere globale Wirtschaftsunternehmen machten auch mit den Olympischen Spielen in Peking das große Geld. Kommerzialisierung und Professionalisierung durchdringen seit Jahren immer stärker Olympia und den heutigen Leistungssport. Laut Frankfurter Algemeinen Zeitung (vom 25.08.08,Seite 9) beliefen sich die Gesamteinnahmen des IOC in den vergangenen vier Jahren auf über 5 Milliarden Dollar. Davon flossen etwa 2,5 Milliarden an das Pekinger Organisationskomitee der Spiele. Die Vermarktung der Fernsehrechte ist die wichtigste Einnahmequelle des IOC. Sie brachte für die Spiele in Peking 1,7 Milliarden Dollar ein. Allein der amerikanische Fernsehsender NBC, ein Tochterunternehmen von General Electric, zahlte 894 Millionen Dollar, die europäische EBU 443 Millionen. Die zweite große Einnahmequelle sind die Einnahmen durch Sponsoren, Partner und Lieferanten des IOC. Sie reichen von Coca Cola, Mc Donalds, Visa bis hin zu Adidas und Volkswagen. Der Beitrag der zwölf Hauptsponsoren liegt nach Angaben des IOC bei 866 Millionen Dollar. Daneben nehmen sich die aus den Verkauf von 6,7 Millionen Eintrittskarten gewonnenen 50 Millionen Euro bescheiden aus.

    Von den großen Projekten zum Ausbau der Pekinger Infrastruktur (z.B. des Flughafens, der U-Bahn, der Brücken und Sportbauten) profitierten natürlich viele weitere internationale Großunternehmen. So verbuchte Siemens rund 1,1 Milliarden Euro aus dem Geschäft mit den Spielen. Am meisten hat jedoch die Industrie des Rohstofflieferanten Australien verdient. Der Umsatz war, den Berichten der FAZ nach, größer als zu den Olympischen Spielen 2000 in Sydney! Aber auch die Spitzenathleten profitieren direkt und indirekt von den Olympischen Spielen. Mehr denn je wird der Vollprofi, der seine Leistungen maximal vermarktet und dafür – gleich in welchem Land – möglichst Millionen verdient, zum Leitbild des heutigen Sports. Es ist schon bemerkenswert, dass bei der Eröffnungsveranstaltung sechs Basketballspieler, die in der us-amerikanischen Profiliga NBA spielen, als Fahnenträger ihrer Länder fungierten. Nicht der dreimalige Olympiasieger, der Schütze Ralf Schumann, wurde, wie es eigentlich zu erwarten gewesen wäre, als Fahnenträger der deutschen Mannschaft ausgewählt, sondern der Basketballprofi Dirk Nowitzki, der seit Jahren in den USA Millionen verdient. Er sowie der Chinese Yao Ming - über den die NBA den chinesischen Markt mit inzwischen 50.000 Geschäftsfilialen für ihre Produkte erschloss, und natürlich der amerikanische Schwimmer Michael Phelps, der von seinem Sponsor allein für seine Siege in Peking 1 Million Dollar erhielt, das sind die Idole, die Superstars und Helden des heutigen Sports. Wir hatten derartige Superstars und Helden nicht nötig. Für uns war es wichtiger, dass unsere besten Sportler, neben ihren sportlichen Leistungen und ihrer beruflichen Entwicklung, vor allem auch vielseitig gebildete Persönlichkeiten waren, die als Vorbild für den Sport und die Jugend wirkten.

  2. Massenmedien, große Sponsoren und Lobbyisten nehmen seit Jahren Einfluss auf die Vergabe, das Programm und die Zeitpläne der Wettkämpfe und verhindern den vom IOC seit Jahren angekündigten Abbau des Gigantismus der Olympischen Spiele. Von Seoul 1988 bis zu den Spielen in Peking wuchs die Anzahl der ausgetragenen Wettbewerbe von 237 auf 302. Das sind mehr als ein Fünftel der Disziplinen. Die Folge davon war, dass die ersten Wettkämpfe bereits zwei Tage vor der Eröffnungsveranstaltung ausgetragen werden mussten und am Vormittag des Schlusstages noch 13 olympische Entscheidungen stattfanden. Die Zahl der Olympioniken erhöhte sich von 8397 (1988) auf 11259 (2008), die der Medienvertreter stieg auf 25000. Und auch dieses Mal setzte der Fernsehsender, der die Übertragungsrechte für Amerika erworben hatte, durch, dass die olympischen Schwimmwettkämpfe zeitlich so gelegt wurden, dass sie in die für Nordamerika günstigste Fernsehzeit fielen. Dem IOC fehlt der Mut zu wesentlichen Veränderungen. Die Streichung von zwei Sportarten (Softball und Baseball) bringt meines Erachtens keine Straffung des eindeutig zu umfangreichen Wettkampfprogramms, zumal bis zu den Olympischen Spielen 2016 beabsichtigt ist, zwei neue Sportarten aufzunehmen.

  3. Seinem Wesen nach ist der Sport mit seinen Wettkämpfen international und so verwundert es nicht, dass die fortschreitende Globalisierung ihm immer stärker ihren Stempel aufdrückt. Zwei Tendenzen ließen sich in dieser Hinsicht anlässlich der Pekinger Spiele beobachten: Die wachsende Anzahl von eingebürgerten Sportlern in vielen Olympiamannschaften sowie der sich ausbreitende Transfer bzw. Wechsel von, den Sport professionell betreibenden Athleten von einem Verein bzw. einem Land zum anderen. Beide Tendenzen können sich nicht nur negativ, sondern teilweise auch durchaus positiv auf den Sport und die Entwicklung in den verschiedenen Sportarten auswirken, wie das am Beispiel des aus Österreich stammenden Olympiasiegers im Gewichtheben Mathias Steiner zeigt. Er hat seine Sportart eindrucksvoll in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gestellt und sicherlich das Interesse vieler Jugendlicher für das Gewichtheben gewonnen. Laut Presseinformationen starteten in der deutschen Olympiamannschaft 38 Sportler – in Athen waren es 25 - die in Deutschland eingewandert und inzwischen Bürger der BRD sind. Sie hatten keinen geringen Anteil am Abschneiden der deutschen Mannschaft. Im Boxen waren alle vier Starter Immigranten. Besonders in den Spielsportarten hat sich seit Jahren durchgesetzt, dass viele ausländische Spieler in hiesigen und Deutsche in ausländischen Mannschaften spielen. Das so genannte "Bosmann-Urteil" der EU zum Fußball und die Verkürzung der Sperrzeiten für Sportler, die ihr Land wechseln durch das IOC und die Internationalen Förderationen haben dazu beigetragen, dass nicht nur im Fußball, sondern in fast allen Spielsportarten, aber auch im Ringen oder Boxen und anderen Sportarten Ausländer die Mannschaften verstärken. Den Berichten aus Peking konnte man entnehmen, dass zum Beispiel 6 deutsche Handballspielerinnen der Olympiamannschaft derzeit in Dänemark spielen. Die Olympischen Spiele machen darauf aufmerksam, dass sich diese Entwicklung fortsetzen und vertiefen wird. Auch mit ihren möglichen Gefahren - wie zum Beispiel der Vernachlässigung des Kinder- und Jugendsports und der oft im Argen liegenden Entwicklung von Nachwuchsathleten oder der beschleunigten Einbürgerung von ausländischen Spitzensportlern um kurzfristig die eigene Leistungsstärke für die Qualifikation für die Olympischen Spiele zu erhöhen. So geschehen bei der mit Unterstützung des Bundesinnenministeriums erfolgten Einbürgerung des nordamerikanischen NBA-Spielers Kalman im Schnellverfahren Anfang Juli dieses Jahres, damit er gemeinsam mit Nowitzki die am 23. Juli erfolgte Olympiaqualifikation der deutschen Basketballmannschaft sichert. Aber auch Kalman konnte das frühzeitige Ausscheiden der deutschen "Basketballer" in der Vorrunde des olympischen Turniers nicht verhindern. Das Königshaus von Bahrein hatte da mehr Glück, indem es den marokkanischen Mittelstreckler Ramzi einbürgerte, der in Peking über 1500-Meter die Goldmedaille gewann.

  4. Bei Anerkennung der international und national erreichten Fortschritte in den Kontrollmechanismen, die Seuche des Dopings wirkt fort und machte auch um die Pekinger Spiel keinen Bogen. Egal ob 30 Dopingfälle, wie vom IOC-Präsident Rogge für die Spiele in Peking erwartet, oder lediglich 10 nachgewiesene Verstöße, das ist nur die Spitze eines Eisberges! Bekanntlich gehörte auch ein deutscher Reiter zu den Dopingsündern. Vor Beginn der Spiele wurden bereits über 40 Sportler durch Trainings- bzw. Ausreisekontrollen erwischt und von einer Teilnahme von den Spielen ausgeschlossen. Dopingexperten gehen davon aus, dass immer wieder neue Pharmaka, unter anderen auch Wachstumshormone, auf den Markt kommen bzw. speziell für den Sport entwickelt werden, die derzeit nicht durch die Dopinglabore nachgewiesen werden können. Bereits bekannte Mittel, die lediglich zeitlich sehr begrenzt (bei manchen Mitteln sollen es nur 2 oder 3 Stunden sein) nachweisbar sind, finden im Training Anwendung. Sie werden rechtzeitig vor den Wettkämpfen abgesetzt oder durch Vermischung mit anderen Substanzen nicht mehr nachweisbar gemacht. Der Wettlauf zwischen Dopern und Kontrolleuren hält also an. Die Flut von Weltrekorden im Sportschwimmen, in Teilen der Leichtathletik und im Gewichtheben vor und während der Spiele hat vielfältige neue Diskussionen, Befürchtungen und Verdächtigungen im Sport und in der Öffentlichkeit ausgelöst. Sind diese Rekorde in dieser Fülle und in diesen Dimensionen glaubwürdig? Ich bin gegen eine pauschale Verdächtigung von Sportlern und des Sports. Doping bedarf des Beweises. Auf der anderen Seite schließe ich mich jenen Wissenschaftlern an, die davon ausgehen, dass die körperliche Leistungsfähigkeit des Menschen, seine ihm, wie es Marx einmal formulierte, von Natur aus gegebenen "Wesenskräfte" ihre biologisch-genetischen Grenzen haben und dass diese Grenzen in einer Reihe von Sportdisziplinen, wie dem Sprint, dem Sprung, dem Gewichtheben annähernd erreicht oder erreicht sind. Das schließt nicht eine weitere schrittweise Steigerung von Leistungen durch verbesserte Sportgeräte, Sportmaterialien und Sportstätten aus. Doch Doping stellt heute eine große existenzielle Gefahr für den olympischen Sport dar. Es zersetzt zunehmend die Glaubwürdigkeit sportlicher Leistungen, sportlicher Wettkämpfe und schließlich des Sports insgesamt. Wehe, wenn er diese Glaubwürdigkeit bei den Fans, den Zuschauern, den Eltern und deren am Sport interessierten Kindern mehr und mehr verliert. Nicht zuletzt auch deshalb unterstütze ich den Kampf gegen diese Seuche und alle effizienten Maßnahmen für ihre Zurückdrängung, wie die ständige Verbesserung der Dopinganalytik, die Ermittlung von individuellen Steroidprofilen bei Spitzenathleten oder die Aufbewahrung von Dopingproben bis zu acht Jahren. Nicht nur Abschreckung, mehr Aufklärung und Prävention bis hinein in die vielen Fitnessstudios und die Bekämpfung der gesellschaftlichen Ursachen für Doping und Drogen scheint mir unerlässlich zu sein. Heinz Florian Oertel hat in einem Interview einmal gesagt, dass in dieser Gesellschaft das Geld das wohl größte Dopingmittel sei. Er hat recht!

  5. Wie schon oftmals in der Geschichte Olympischer Spiele waren auch die in Peking der Gefahr und den Versuchen des Missbrauchs für sportfremde politische Interessen ausgesetzt. Es sei nur kurz an den schlimmen Missbrauch der Spiele 1936 durch den deutschen Nationalsozialismus, an den Terroranschlag gegen die Mannschaft Israels in München 1972, an den Boykott der Spiele von Moskau und von Los Angeles, an dem leider auch die BRD und die DDR beteiligt waren, und an die so genannten Coca Cola-Spiele 1996 in Atlanta erinnert. Dieses Mal hatte sich eine sehr eigenartige "Allianz" zusammengefunden um die Spiele in Peking für vermeintlich ganz unterschiedliche politische Interessen zu nutzen. Diese Allianz reichte von Bush und den Dalai Lama über oppositionelle Kräfte innerhalb und außerhalb Chinas bis hin zu dem Bundesbeauftragten für Menschenrechte und einem Großteil der Massenmedien in den so genannten westlichen Ländern. Auch manche dem "Kalten Krieg" noch immer verhaftete Politiker und Sportpolitiker in Deutschland schlossen sich an. In den Monaten vor den Spielen zogen sie alle Register der Politik. Die in Tibet im März inszenierten blutigen Unruhen, die Störungen des olympischen Fackellaufes, die Berichte über Oppositionelle, über Umweltkatastrophen, das Elend der Wanderarbeiter, über Doping und über das Training von chinesischen Kindern gehörten dazu. Ein Trommelfeuer ging über China, Peking und den chinesischen Sport nieder, obgleich die Olympischen Spiele nicht an ein Land, sondern an eine Stadt vergeben werden, die im Auftrage und im Namen des Internationalen Olympischen Komitees diese Spiele ausrichtet. Es verging kein Tag in dem nicht im deutschen Fernsehen, im Radio, in der Tagespresse und im Internet über China und die Gefahren der Olympischen Spiele in kritischer Absicht berichtet wurde. In der Wochenzeitschrift "Stern" vom 24.7.08 schrieb der Chefredakteur: "Wohl noch nie in der Geschichte ist der Gastgeber von Olympischen Spielen so kritisch beäugt worden wie China." In einen weiteren Artikel folgt danach eine ganze Liste von Behauptungen, Unterstellungen und gemutmaßten Befürchtungen. Kein Wort und kein Vergleich zum Beispiel mit den in den letzten Jahren in den USA durchgeführten Sommer- und Winterspielen, einem Land in dem es gleichfalls noch die Todesstrafe gibt und das nicht vor Angriffskriegen und die Besetzung fremder Länder zurückschreckt. Diese und andere Spiele standen weit mehr im Zeichen eines politischen Missbrauches und hätten es weitaus mehr verdient durch die Massenmedien "kritisch beäugt" zu werden. In Wirklichkeit geht es nach meinem Ermessen gar nicht erstrangig, um Tibet, um Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit oder Umweltschutz oder um die korrekte Durchführung der Olympischen Spiele. Es geht geopolitisch um China als dem bevölkerungsreichstes Land der Erde, das in den letzten zwanzig Jahren zu einem der stärksten Wirtschaftsmächte der Welt aufstieg und das von der Führungsmacht des "Westens" und seinen Bündnispartnern zunehmend im Kampf um Rohstoffquellen, Absatzmärkte und globalen Einfluss gefürchtet wird. Es soll sich dem Westen weiter öffnen und sich ihm letztlich anschließen. Ein weiter erstarkendes China mit einer kapitalistischen Marktwirtschaft und einem in weiten Teilen sozialistischen Überbau, geführt von einer kommunistischen Partei, das ist für den "Westen" "eine Horrorvision".

    In diesem Kräftespiel wollte man China mit den Olympischen Spielen politisch unter Druck setzen eine Lektion erteilen.
    Manche Politiker schreckten im Vorfeld der Spiele auch nicht vor einem Boykott der Olympischen Spiele zurück. Angesichts der Lehren der achtziger Jahre setzten sich Besonnenheit und Vernunft in der Politik, im IOC und auch bei den verantwortlichen Politikern und Sportverantwortlichen in Deutschland durch. Der Sport und Olympische Spiele sind kein geeignetes Mittel um Machtpolitik durchzusetzen. Die Olympischen Spiele gehören dem Sport und den Sportlern.
    In diesem Zusammenhang spielte auch die Pressekonferenz des chinesischen Präsidenten Hu eine wichtige Rolle. Das "Politisieren der Olympischen Spiele" sei keine angemessene Reaktion auf die "unvermeidbar" unterschiedlichen Sichtweisen "verschiedener Völker". Er forderte die Journalisten zu "objektiver und vorurteilsfreier" Berichterstattung auf und versicherte "Chinas Tür zur Welt ist immer weit offen". Sein Land sei für niemanden eine Bedrohung und werde während Olympia zeigen, "dass das chinesische Volk ein friedliebendes Volk ist". (Zitiert nach Neues Deutschland vom 2./3. 08. Seite 1). Jetzt, nach Beendigung der Pekinger Spiele kann man einschätzen, dass China aus diesen Auseinandersetzungen vor und während der Spiele keineswegs geschwächt, sondern gestärkt hervorgegangen ist. In seiner Rede zur Abschlussfeier sprach IOC-Präsident Jacques Rogge davon, dass die Welt durch die Olympischen Spiele mehr über China und China mehr über die Welt gelernt habe. Es waren in diesem Sinne also lehrreiche Spiele! Lehrreich nicht nur für den Sport, sondern auch lehrreich für die Politik!