Olympische Spiele Peking 2008 – eine Nachbetrachtung aus anderer Sicht

Eine kurze Gesamtwertung der Pekinger Spiele aus meiner Sicht

Getragen durch die Beteiligung und die Leistungen von Sportlern aus 204 Ländern sowie durch die breite Unterstützung durch die Bevölkerung und den chinesischen Staat wurden die XXIX. Olympischen Spiele in Peking zu einem großartigen und "außergewöhnlichen" Ereignis des Weltsports. Sie waren eine eindrucksvolle Demonstration für die Ideale Olympias – Völkerfreundschaft, Toleranz und Frieden - und eine wirkungsstarke Werbung für den Sport in der Welt und in China selbst. Besonders für die Jugend in allen Ländern waren sie ein nachhaltiger Anstoß selbst Sport zu treiben und ihre Leistungsfähigkeit zu stärken.
In allen Belangen perfekt organisiert, boten die Spiele in Peking den über 11.000 Athleten bestmögliche Voraussetzungen für ihre Wettbewerbe in 302 Disziplinen.
Es wurden – ähnlich wie zu den Olympischen Spielen zuvor - vielfach große Wettkämpfe mit großen Emotionen. Wir genossen die Spannung, die Überraschung und den erwarteten oder unerwarteten Ausgang der Wettkämpfe. Wir erlebten die Euphorie der Sieger wie die Tränen der Unterlegenen. Uns bewegte die persönliche Geschichte und das Schicksal manches Sportlers.
In der Mehrzahl der Sportarten fanden die Wettkämpfe vor einer großen, begeisterten Zuschauerkulisse statt, wie zum Beispiel in der Leichtathletik mit täglich über 90 Tausend Besuchern, oder im Turnen, Schwimmen, Wasserspringen, Tischtennis, Basketball und anderen Sportarten mit durch Besucher vollbesetzten Tribünen. Etwas enttäuschend war die geringe Zuschauerbeteiligung bei einigen anderen Wettbewerben. Man erklärte das mit den von den Sponsoren reichlich bestellten, aber leider nicht genutzten Eintrittskarten. Von chinesischer Seite war auch zu hören, dass das zum Teil wechselhafte und regnerische Wetter mit daran schuld gewesen sei.
Auf höchstem künstlerischem, choreografischem und organisatorischem Niveau standen die Eröffnungsveranstaltung und das Abschiedsfest der Olympischen Spiele. Sie gestalteten einen weitgespannten, farbenfrohen Bilderbogen zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Ausrichterlandes bzw. zur Übergabe der olympischen Fahne von Peking an London, der Ausrichterstadt der nächsten Olympischen Spiele. Spektakulär die Entzündung des olympischen Feuers nach einer "atemberaubenden Flugrunde" des dreimaligen Turn-Olympiasiegers Li Nin. Mich beeindruckte einmal mehr, welche Wirkung und Ausstrahlung sich durch Bewegung, Gymnastik, Tanz, Artistik, verbunden mit Musik, modernster Technik und hervorragender Choreographie erzielen lässt. Man fragt sich: "Ist das noch zu übertreffen?"
Großes Lob verdienen natürlich auch die Olympischen Wettkampfstätten. Das Pekinger "Vogelnest", die farbenprächtige Schwimmhalle, das Nationale Hallenstadion und andere der 12 neu entstandenen Sportstätten wurden von Sportlern und Fachleuten in ihrer Funktion und Architektur als das zur Zeit Beste und Modernste gelobt. Die Kosten für die Neubauten sollen bei über 2 Milliarden Euro gelegen haben.
Bei aller Würdigung der Sportler, der Wettkämpfe, der Veranstaltungen und Sportstätten – eines hat mich besonders berührt. Das war die herzliche Anteilnahme der Pekinger bzw. der chinesischen Bevölkerung an den Olympischen Spielen. Diese natürliche Freude und Begeisterung der Menschen, sie war auch per Fernsehen zu spüren und zu erleben. Olympia hatte in Peking mit seinen fast 17 Millionen Einwohnern sowie in weiten Teilen der Bevölkerung des Landes eine Welle der Begeisterung ausgelöst. Diese ansteckende Begeisterung sprang auf den sportinteressierten, unvoreingenommenen Fernsehzuschauer über und zwar ungeachtet aller peinlichen und beschämenden Versuche von manchen deutschen Kommentatoren, China, Peking und die dortigen Spiele wo es nur ging "mies" zu machen. Die Kraft der Bilder, der Gesichter, der Worte, der Freude und des Stolzes waren stärker. Und noch mehr: Die durch die Reporter befragten deutschen Athleten bestätigten den eigenen positiven Eindruck. Sie lobten die Gast- und Hilfsbereitschaft der Chinesen, die gute Atmosphäre der Spiele, die Sportstätten und nicht zuletzt auch das großzügige Olympische Dorf, das für sie in der Gemeinschaft mit vielen Sportler aus anderen Ländern für einige Wochen zur Heimstatt geworden war. Hoffentlich ist diese Lektion bei den entsprechenden Vertretern der Medien, und ganz besonders bei den extra nach Peking entsandten "politischen Journalisten" auch angekommen. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die aus Peking berichtenden Medienvertreter einem nicht unerheblichen politischen Druck ausgesetzt waren, die Olympischen Spiele in zum Teil absurder Weise als "seelenlose Spiele" oder als "chinesischen Olympiazirkus", der ausschließlich der Selbstdarstellung diene, abzuwerten, anstatt sie, so wie sie waren, so einmalig, so perfekt und so gastfreundlich und so asiatisch, zu akzeptieren.
Natürlich wurden die Spiele in Peking durch den Staat und die Kommunistische Partei auch zur Selbstdarstellung genutzt. Das ist ihr Recht, denn noch jedes gastgebende Land hat dieses weltweit wirkende Fest im Zeichen der fünf Ringe auch zur politischen, wirtschaftlichen und kulturell-sportlichen Eigendarstellung genutzt. Zum Beispiel auch George W.Bush, der die Winterspiele 2002 in Salt Lake City bewusst für den Feldzug gegen den internationalen Terrorismus gebrauchte und bei der Eröffnungsfeier entsprechende patriotische Töne anschlug. Niemand glaubt noch daran, dass Sport unpolitisch sei. Entscheidend ist, welche Politik mit und für den Sport gemacht wird. Die chinesische Staatsführung hat nie verhehlt, dass China weltoffene und perfekte Spiele ausrichten wollte, die der Völkerverständigung dienen, die China als friedliebendes Land darstellen und die den Stolz und das Selbstbewusstsein der Bevölkerung auf das in den letzten Jahren Erreichte fördern. Das ist China mit diesen Olympischen Spielen gelungen. China ist heute nicht nur eine wirtschaftliche und politische Großmacht, sondern mit diesen Spielen auch im olympischen Sport in die Weltspitze aufgestiegen. Für die Ausrichter künftiger Spiele setzte Peking viele neue, hohe Maßstäbe.
Was die sportlichen Ergebnissen anbelangt, so errangen Chinas Sportler nach der in der Presse veröffentlichten Medaillenwertung, in der vor allem die Anzahl der Goldmedaillen entscheidend ist, mit 51 Goldmedaillen und 100 Medaillen insgesamt erstmalig den 1. Rang. Bei den Spielen 2004 in Athen nahm die chinesische Mannschaft mit 31 Goldmedaillen den 2. Platz ein. Aber auch das USA-Team vermochte sich gegenüber Athen zu steigern, Sie erzielten in Peking 31 Goldmedaillen und mit 110 Medaillen 10 mehr als China. Die Mannschaft Russlands verlor gegenüber 2004 insgesamt 20 Medaillen und kam in Peking auf dem 3, Rang. Ihr folgten auf den Positionen 4 bis 10 Großbritannien (mit dem nach China zweitgrößten Medaillenzuwachs gegenüber Athen), Deutschland, Australien, Südkorea vor Japan, Italien und Frankreich.
Im Zweikampf zwischen den Mannschaften Chinas und der USA sowie in der Auseinandersetzung mit den anderen Olympiavertretungen dominierte China in den Sportarten Turnen, Tischtennis, Wasserspringen, Trampolinspringen, Badminton, Gewichtheben, Schießen aber erstaunlicherweise auch im Boxen. In diesen Sportarten belegten Chinas Athleten in einer Länderwertung jeweils den ersten Platz. Die USA-Sportler bestimmten dagegen die Wettbewerbe in der Leichtathletik (bei den Frauen hatte Russland die Nase vorn), im Schwimmen (bei den Frauen erreichten die australischen Mädchen den ersten Rang) sowie im Basketball, Volleyball und Beachvolleyball. Die Auswahl von Großbritannien, in Athen noch 10, stieß in Peking auf den 4. Platz vor und ließ keinen Zweifel daran, dass sich ihre Sportler bereits zielstrebig auf die Olympischen Spiele 2012 in London vorbereiten. Die britischen Athleten übernahmen die Spitzenposition in den Sportarten Rudern, Radsport und Segeln. Unser ehemaliger Verbandstrainer im Rudern, Jürgen Grobler, hat an den Erfolgen der britischen Ruderer in Peking als Cheftrainer seit Jahren Anteil. Insgesamt erkämpften Sportler aus 87 Staaten Medaillen und Vertreter von 115 Ländern kamen in die Finalwettkämpfe der verschiedenen Disziplinen, d.h. sie platzierten sich unter den acht Besten der Welt. Im Vergleich zu 2004 spricht das für ein Anwachsen der Konkurrenz in einer Reihe von Sportarten, wobei abzuwarten ist, ob diese Entwicklung kurzzeitig oder nachhaltig ist. Insgesamt wurden 38 Weltrekorde und 85 Olympische Rekorde aufgestellt.