Hochleistungssport

Olympiazyklus 1976 - 1980

Wie sollte es nach den in Montreal und Innsbruck errungenen Erfolgen im Leistungssport der DDR weitergehen?

Wollten wir die Spitze erstürmen und den sowjetischen Sport von der führenden Position verdrängen?

Ein solches Ziel war politisch und sportlich absurd und von den Voraussetzungen her absolut unreal. Die Anzahl der Sportarten, die wir leistungssportlich betrieben war zu gering, unsere Nachwuchsbasis hatte quantitativ ihre Grenzen und auch die durch den Staat großzügig zur Verfügung gestellten materiellen, finanziellen und personellen Mittel konnten nicht ständig erweitert werden.

Jedoch trauten wir uns auf Grund der real vorhandenen objektiven und subjektiven Möglichkeiten auch für die nächsten Jahre zu, "unsere Position unter den führenden Ländern zu behaupten" und "darum zu kämpfen, die Mannschaft der USA zu besiegen" (vgl.: Beschluß des Politbüros der SED vom 14.12.1976 „Die Weiterentwicklung des Leistungssports der DDR und die Vorbereitung der Olympischen Spiele 1980“, Seite 8).


Stillstand bedeutet Rückstand!

Wir, das war nicht nur eine von diesen Zielen und durch vorangegangene Ergebnisse überzeugte und ehrgeizige Sportführung. Wir, das waren die Athleten und die Trainer als die Hauptträger der sportlichen Leistungen sowie die in den Verbänden und Clubs verantwortlichen Funktionäre, die Sportwissenschaftler, Sportmediziner und Physiotherapeuten, die Entwicklungsingenieure und Gerätebauer. Durch langjährige Erfolge bestärkt, strebten sie selbstbewußt nach ständig höheren Leistungen. Man war sich bewußt, daß im Wettstreit mit den besten Sportlern. Mannschaften und Sportländern der Welt Stillstand gleich Rückstand bedeutete. Unsere errungenen Positionen konnten also nur durch neue, schöpferische Anstrengungen behauptet und gefestigt werden.

Ansatzpunkte und Reserven gab es dafür genug. Die Potenzen des DDR-Leistungssports waren bei weitem noch nicht ausgeschöpft und der Aufbau des Fördersystems noch nicht abgeschlossen. In Einheit von qualitativen und quantitativen Faktoren mußte das Training auf ständig höheren Niveau weiter entwickelt werden. Die in der vorangegangenen Olympiade sichtbar gewordenen Rückstände in wichtigen Männerdisziplinen der Leichtathletik und des Schwimmens sowie in den Kampf- und Spielsportarten erforderten wissenschaftlichen Vorlauf und praktische Veränderungen. In der Olympiaauswertung 1976 entstanden dafür neue Lösungsvorschläge und Ideen.


Ziel - die einheitliche Gestaltung der Förderstufen und Ausbildungsetappen

Ging es in den zurückliegenden Jahren vorrangig um einen relativ isolierten Aufbau der einzelnen Förderstufen, so rückte jetzt mehr und mehr das Konzept eines langfristigen Leistungs- und Trainingsaufbaus über die Förder- und Ausbildungsstufen hinweg in den Vordergrund. Der Trainingsprozess - nunmehr untergliedert in die vier Etappen Grundlagen-, Aufbau-, Anschluß- und Hochleistungstraining - wurde dadurch besser in Übereinstimmung mit dem Förderstufen gebracht. Durch das Anschlußtraining sollte der oft trainingsmethodisch problematische und zeitlich oft zu kurze Übergang von der 2. zur 3. Förderstufe besser bewältigt werden. Innerhalb der 3. Stufe gab es künftig eine Unterteilung in drei Kaderkreise, wobei der zweite die Juniorenauswahl der Sportverbände umfassen sollte. Auch diese Maßnahme diente dazu, junge Sportler mit Anschlußleistungen systematisch an die Besten heranzuführen. In der 1. Förderstufe wurde die Linie, das Gros der jährlich an der DHfK ausgebildeten Diplomsportlehrer als Trainer in den Trainingszentren einzusetzen, planmäßig fortgeführt. Von 1976 bis 1980 verdoppelte sich die Zahl der Trainer in diesem Bereich von 653 auf 1381. Zurecht sahen wir auf längere Sicht darin die Garantie, die Sichtung und Auswahl und die Grundausbildung des leistungssportlichen Nachwuchses auf ein höheres Niveau zu heben. Weit über das Jahr 1980 hinaus wuchs so ein großes Kollektiv von Trainern heran, das maßgeblich die Zukunft des Sports in der DDR bestimmen sollte. Gleichzeitig wurde der Ausbau der Sportmedizinischen Beratungsstellen in den Kreisen fortgesetzt, so daß am Ende dieses Olympiazyklus` 175 dieser Einrichtungen mit hauptamtlich tätigen Sportärzten besetzt waren.


Beschleunigte Entwicklung der Männerleistungen

Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt bestand darin, in einer Reihe von Männerdisziplinen die Steigerung der sportlichen Leistungen zu beschleunigen. Schon in den Jahren 1974/75 zeigte sich, daß die Zuwachsraten in einer Anzahl von Männerdisziplinen hinter der internationalen Entwicklung zurückzubleiben drohten. Während es im Rudern, Kanurennsport, Radsport, im Gewichtheben und im Sportschießen gute Fortschritte zu verzeichnen gab, vollzog sich der Leistungsanstieg der Männer in der Leichtathletik, im Sportschwimmen und im Geräteturnen teilweise zu langsam. Berechtigt sahen wir darin eine wichtige Reserve für den weiteren Gesamtfortschritt, entfielen doch damals 75 % der Disziplinen des olympischen Wettkampfprogramms auf die Männer.

Eine im Auftrage der LSK vom Forschungsinstitut in Leipzig durchgeführte Analyse verdeutlichte die Komplexität des Problems. Als mögliche Ursachen des Zurückbleibens wurden u. a. herausgearbeitet: Eine zu geringe Anzahl der trainierenden Jungen, besonders im Jugend- und Juniorenalter, die zu frühzeitig einsetzende Spezialisierung sowie die unzureichende Beachtung geschlechtsspezifischer Aspekte in der Auswahl und Ausbildung von Jungen. So wurden frühentwickelte Jungen häufig bevorzugt, während die sogenannten Normal- und Spätentwickler offensichtlich vernachlässigt wurden. Weiter zeigte sich, daß die Anzahl von Trainern, die ausschließlich männliche Sportler betreuten, proportional zu gering war. Mit dem Argument, daß sich Mädchen bzw. Frauen leichter trainieren und zu Erfolgen führen ließen, orientierten sich zunehmend mehr Trainer auf die Betreuung von Frauen.

Aus diesen und weiteren Erscheinungen ergaben sich Schlußfolgerungen kurz-, mittel- und langfristiger Art, die wir in Auswertung der Olympischen Spiele 1976 in fünf Punkten zusammenfaßten. (vgl.: Röder, H.: Auswertung des Olympiazyklus 1973/76 in den olympischen Sommersportarten. In: Theorie und Praxis des Leistungssports, Beiheft 1-2 1977, Seite 38-39).

Wie sich zeigte, erwies sich ihre Lösung schwieriger als angenommen. Sie erforderte ein komplexes Vorgehen und einen „langen Atem“. Erste Fortschritte und Erfolge wie zum Beispiel in den leichtathletischen Sprung- und Sprintdisziplinen, im Sportschwimmen und im Wasserspringen zu den Olympischen Spielen in Moskau förderten Selbstzufriedenheit, ohne daß bereits eine grundlegende Wende erreicht werden konnte. Sie konnte auch nicht in den folgenden Jahren vollzogen werden, zumal der Erhalt der Spitzenpositionen in den Frauendisziplinen gleichermaßen die volle Aufmerksamkeit und eine Konzentration der Kräfte erforderlich machte.

Meines Erachtens nach besitzen viele der damals charakterisierten Ursachen und Folgerungen noch heute ihre Berechtigung, hat sich doch die Leistungssituation im Männerbereich sowohl in der Leichtathletik als auch im Sportschwimmen und im Geräteturnen nicht grundlegend verbessert, sondern - legt man die Resultate der Olympischen Spiele 2000 in Sydney zugrunde - eher verschlechtert.

Doch zurück zur Olympiade 1976-80. In ähnlicher Weise wie zur Leistungsentwicklung der Männer wurden damals auch Zustandsanalysen zur Lage in den Kampf- und Spielsportarten erarbeitet und auf wissenschaftlichen Seminaren. Trainerkonferenzen und in der Zeitschrift Theorie und Praxis des Leistungssports erläutert. Im Vordergrund standen dabei vielschichtige sportartspezifische Fragen, die im Rahmen unseres Anliegens nicht ausführlicher dargestellt werden können. Stark verallgemeinert ging es in diesen Sportarten um eine verbesserte Sichtung und Auswahl von Talenten entsprechend den spezifischen Anforderungen dieser Sportarten (z. B. kleine und leichtgewichtige Jungen für die unteren Gewichtsklassen im Ringen, Boxen, Judo), um eine solide vor allem technisch-koordinative Grundausbildung im langfristigen Trainingsaufbau sowie um eine den künftigen Erfordernissen gerecht werdende, moderne Aus- und Weiterbildung der Trainer. Ich entsinne mich, daß eine der Maßnahmen darin bestand, die Trainer der Kampfsportarten in Sonderlehrgängen an der DHfK fortzubilden.


Erhöhte Anforderungen an das Lehrgangs- und Heimtraining

Doch nicht nur für die Sportverbände, auch für die territorialen Zentren des Leistungssports, die Sport- und Fußballclubs, ergaben sich wichtige übergreifende Aufgaben. Schon seit einiger Zeit häuften sich die Anzeichen dafür, daß sich das Niveau des Heimtrainings in den Sportclubs nicht im erforderlichen Tempo verbesserte. So entstand die Situation, daß sich die Schere zwischen dem Heimtraining und dem Lehrgangstraining vergrößerte. Natürlich bestanden an den Sportschulen des DTSB nahezu ideale Voraussetzungen für die vollinhaltliche Verwirklichung der individuellen Trainingsprogramme der Olympiakandidaten. Diese Schulen vereinigten auf engstem Raum moderne Sportstätten, alle notwendigen Versorgungseinrichtungen, Möglichkeiten der sportmedizinischen und physiotherapeutischen Betreuung, der wissenschaftlich-technischen Unterstützung und der Freizeitgestaltung. Sie ermöglichten eine volle Konzentration auf die sportlichen Aufgaben und auf die komplexe Betreuung der Athleten bei kürzesten Wegezeiten. Das alles machte das Lehrgangstraining zu einer sehr effektiven Form des Trainings, die vor allem in Phasen höchster Belastungen, einer schwerpunktmäßigen technisch-taktischen Ausbildung und in Vorbereitung auf wichtige Wettkämpfe seit Jahren von den Sportverbänden erfolgreich genutzt wurde.

In Vorbereitung auf die Spiele 1980 strebten wir für die Olympiakandidaten eine weitere Intensivierung der Lehrgangstätigkeit im In- und Ausland an. Das durfte jedoch nicht zu einer Vernachlässigung des Heimtrainings in den Sportclubs führen, daß selbst im Olympiajahr einen Umfang von ca. 60 % der Trainingswochen insgesamt ausmachte. Deshalb setzte die weitere Steigerung des Niveaus der ganzjährigen Ausbildung vor allem auch eine größere Wirksamkeit des Heimtrainings voraus. Im Unterschied zu den Lehrgangsstätten waren jedoch die Trainings-, Versorgungs- und Betreuungseinrichtungen in den Clubs zumeist nicht derart kompakt an einem Ort konzentriert. Das führte zwangsläufig zu längeren Wegezeiten. Hinzu kamen schulische oder berufliche Verpflichtungen. Ein großer Teil der erwachsenen Spitzenathleten wohnte nicht mehr in den Club- bzw. KJS-Internaten, sondern bei ihren Familien. Das wirkte sich durchaus günstig aus, führte aber auch zu zusätzlichen familiären und sozialen Verpflichtungen mit einem entsprechendem zeitlichen Mehraufwand.

Begrüßung von Sportlern und Trainern im Olympischen Dorf in Moskau
Begrüßung von Sportlern und Trainern im Olympischen Dorf in Moskau

überprüfungen in der Olympiavorbereitung ergaben, daß die Trainingszeit im Heimtraining bei unseren besten Turnerinnen bis zu 10 Wochenstunden unter der des Lehrgangstrainings lag. Auch in anderen Sportarten wurden die Phasen hoher und höchster Belastung nahezu ausschließlich während der Lehrgänge realisiert, während für das Heimtraining zumeist geringere Belastungen oder gar Kompensationstraining eingeplant wurden. Zudem behinderte eine zu ausschließliche Orientierung des Heimtrainings auf den Wochenrhythmus die Anwendung von 10- oder 12-tägigen Mikrozyklen, die eine bessere Lösung von Trainingsaufgaben und eine günstigere Belastungs- und Erholungsgestaltung ermöglichten.

Den Leitungen und den Cheftrainern in den Sportclubs wurde die Aufgabe gestellt, die erforderlichen Veränderungen herbeizuführen und die Wirksamkeit des Heimtrainings entschieden zu verbessern. Im Mittelpunkt stand dabei die Forderung, in allen Clubs die Bedingungen für ein mehrmaliges tägliches Training stabil zu sichern und die allseitige Erfüllung der Individuellen Trainingspläne aller Olympiakandidaten zu gewährleisten. Das löste vielfältige Initiativen und Veränderungen aus. An den wichtigsten Trainingsstätten wurden Möglichkeiten für die die Einnahme von Zwischenmahlzeiten, für die Massage und für eine Sofortauswertung des Trainings geschaffen. Ruheräume wurden eingerichtet, Wege- und Fahrzeiten verringert und lehrgangsähnliche Formen unter Clubbedingungen eingeführt. Die Leitungen der Clubs und die Cheftrainer der Sektionen wandten sich intensiver den inhaltlichen Fragen des Ausbildungs- und Erziehungsprozesses zu und lösten unter diesem Blickwinkel trainingsorganisatorische Probleme mit größerer Durchsetzungskraft. über die Vorbereitung der Olympiakandidaten hinaus führte das auch zu vielen positiven Auswirkungen auf die Arbeit mit dem Nachwuchs.


Höhentraining unterm Hallendach

Bereits an anderer Stelle habe ich darauf hingewiesen, daß das Höhen- oder Hypoxietraining in einer größeren Anzahl von Sportarten ein fester Bestandteil der Trainingskonzeptionen gewesen ist. Das galt bis etwa 1972 vor allem für die Ausdauersportarten und dort wiederum für die Abschnitte zur Entwicklung der Grundlagenausdauer sowie für einen Teil der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung. Im Ergebnis der seit 1965/66 durchgeführten Höhenlehrgänge und gezielter wissenschaftlicher Untersuchungen war erkannt worden, daß die durch ein Höhentraining ausgelösten funktionellen Anpassungen für einen gewissen Zeitraum danach in normaler Höhe noch erhalten bleiben. Sie ließen sich somit leistungsfördernd für das nachfolgende Training bzw. für in dieser Phase liegenden Wettkämpfe nutzen. Diese Erkenntnisse und ihre Umsetzung gewährten dem Leistungssport der DDR bis etwa 1971/72 einen gewissen trainingsmethodischen Vorlauf.

über die Ausdauersportarten hinaus drängten andere Sportarten (z. B. Leichtathletik - Sprint, Sprung, Wurf, Kampfsportarten und Gewichtheben) danach, das Höhentraining einzusetzen. Neben Bulgarien mußten also weitere Länder wie Mexiko, Äthiopien, Schweiz, die über gut ausgestattete Trainingsbasen in der Höhe verfügten, einbezogen werden. Berechtigt schlugen unsere Sportverbände vor, neben den Olympiakandidaten auch die besten Anschlußkader unter Höhenbedingungen trainieren zu lassen. Das überstieg mehr und mehr unsere finanziellen Möglichkeiten. Davon abgesehen waren derartige Auslandslehrgänge mit aufwendigen Reisezeiten, Klima - und Zeitanpassungen und erfahrungsgemäß auch mit der Gefahr infektiöser Erkrankungen, die zu teilweise erheblichen Trainingsausfällen führten, verbunden.

Vor diesem Hintergrund entstand Anfang 1977 das Projekt, in der DDR eine spezielle Halle in der künstlich Hypoxiebedingungen erzeugt werden konnten, zu bauen. Als Standort wurde die in der Nähe von Berlin gelegene Sportschule Kienbaum ausgewählt. In 15-monatiger Bauzeit entstand dort eine 20 x 33 Meter große zweigeschossige Unterdruckhalle, die ab Oktober 1979 als erstes von Läufern, Gehern, Radsportlern und Kanurennsportlern genutzt wurde. Später folgten weitere Sportarten sowohl mit Spitzen- als auch mit Nachwuchskadern.

Von Beginn an wurde vermieden, die „Spezialhalle Kienbaum“ (SHK) als bloßen Ersatz für ein Training in natürlicher Höhe zu betrachten. Sie stellte nach unserer Auffassung eine eigenständige Form des Hypoxietrainings dar, die systematisch wissenschaftlich erforscht und praktisch umfassend erschlossen werden sollte. Und in der Tat, die durchgeführten Untersuchen bewiesen nicht nur, daß in der biologischen Wirkung zwischen künstlich erzeugter und natürlicher Hypoxie bei trainierenden Sportlern keine nachweisbaren Unterschiede bestanden; sie wiesen auch auf einige Vorzüge des Trainings unter künstlich erzeugten Bedingungen hin (Vgl.: Bericht der Forschungsgruppe Hypoxie des FKS: „Erkenntnisse und Empfehlungen zur effektiven Gestaltung des Trainings in Ausdauersportarten unter künstlichen Hypoxiebedingungen in Auswertung der Experimenteserie 1981“, Internes Material, VD, Seite 172 - 181). Der wohl wichtigste Vorteil bestand in der überaus flexiblen Kombination des Trainings unter Höhen- und Normalbedingungen. Das erwies sich besonders für die Erholung und Wiederherstellung der Athleten nach dem Training in der Halle als günstig. Auch die Möglichkeit, in der Halle variabel zwischen 2000 und maximal 4000 Meter zu trainieren, war von Vorteil. Für die trainingsmethodische und medizinische Kontrolle und Steuerung des Trainings bot die Halle günstige Möglichkeiten, waren doch für etwa 2 Millionen Mark sporttechnische und medizinische Geräte installiert. Nicht zuletzt sei darauf hingewiesen, daß die Halle zu jeder Jahreszeit und unabhängig von Witterungseinflüssen und Zeitanpassungen verfügbar war.

Natürlich dürfen auch die Nachteile der SH Kienbaum nicht vergessen oder klein geredet werde. Der hauptsächlichste bestand darin, daß die in der Halle stationierten Ergometer (Laufbänder, Fahrradergometer u.a.) in motorischen Hinsicht nicht vollwertig den spezifischen Bewegungsanforderungen der Sportart bzw. Sportdisziplin entsprachen. Das betraf besonders die wettkampfnahen und bewegungstechnisch speziellen Belastungsformen, die nur in einer dementsprechend ausgestatteten größeren Halle möglich gewesen wären. Ungeachtet dieses und anderer Nachteile - so vermag Hallentraining in psychischer Hinsicht kein Höhentraining in freier Natur zu ersetzen - ermöglichte die SHK vielfältige neue trainingsmethodische Einsatzvarianten. Sie wurden durch wissenschaftliche Experimente und durch die umfangreiche Nutzung der Halle in den achtziger Jahren gewonnen und erprobt, aber bei weitem noch nicht voll ausgeschöpft. Die Ergebnisse der Untersuchungen und die Erfahrungen der Trainer liegen wissenschaftlich aufbereitet vor.

Nach meinem Ermessen ist es sehr bedauerlich, daß heute weder dieser Erfahrungsschatz noch die Halle selbst, die über zehn Jahre ohne jede Störung betrieben wurde, keinerlei Beachtung und Verwendung finden.


Die Olympischen Spiele 1980 im Griff der Politik

Bekanntlich fanden die Olympischen Spiele in Lake Placid und in Moskau in einer Zeit statt, in der die Olympische Bewegung und ihre Spiele auf das Ernsteste gefährdet waren. Die Politik des Kalten Krieges machte auch nicht vor den Olympischen Spielen halt und instrumentalisierte sie schonungslos für ihre Interessen.

Die Regierung der USA nutzte die Winterspiele in Lake Placid um weltweit zu einem Boykott der Olympischen Spiele in Moskau aufzurufen. Das belastete verständlicherweise die Atmosphäre in Lake Placid, erzeugte Unsicherheit und Unruhe. Wie würde es weitergehen mit Olympia und was würde aus den Spielen im Sommer 1980 in Moskau?

Schlittensportler Dettlef Günther, Horst Röder und Manfred Ewald in Lake Placid
Schlittensportler Dettlef Günther, Horst Röder und Manfred Ewald in Lake Placid

Aber auch in anderer Weise gehörten die Olympischen Winterspiele in Lake Placid zu den schlechtesten, die ich erlebte. Die Unterbringung der Teilnehmer in dem als Staatsgefängnis vorgesehenen Olympischen Dorf in Ray Brook war ein Skandal. Zellen von acht Quadratmeter Größe, ausgestattet mit Doppelbetten, dienten als Unterkunft. Die Trainer und weitere Mannschaftsoffizielle „wohnten“ in fensterlosen, provisorisch hergerichteten Flachbauten, die nach den Spielen wieder abgerissen wurden. Ein insgesamt tristes Umfeld für Sportfreundschaft und olympische Wettkämpfe! Aber auch anderes, wie der Transport der Sportler und Mannschaften war bei diesen Spielen kritikwürdig. Wie auch andere Missionschefs beschwerte ich mich mehrmals darüber beim Organisationskomitee. Erst allmählich traten Verbesserungen ein.

Vor den Ausrichtern der Spiele in Moskau standen ganz andere Probleme. Sie mußten einen ihnen aufgezwungenen, existentiellen Kampf um die Durchführung der Spiele bestehen. Im Vorfeld der Spiele versuchte die Carter-Regierung andere Länder zu bewegen, nicht mit ihren Mannschaften in Moskau teilzunehmen. Bekanntlich gab eine größere Anzahl von Ländern bzw. von Nationalen Olympischen Komitees diesem Druck nach. Dadurch entstand eine für die Durchführung der Spiele bedrohliche Situation. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine am Vortag der Eröffnung durch das Org.-Komitee einberufen Sonderberatung mit allen Mannschaftsleitern, in der über viele Stunden und mit großer Kompromißbereitschaft seitens der Moskauer Verantwortlichen darum gerungen wurde, daß sich alle anwesenden Mannschaften an der feierlichen Eröffnung der Spiele beteiligen. Erst mit dem Beginn der Wettkämpfe beruhigte sich die komplizierte Lage. Die spannungsvollen Wettbewerbe, das pulsierende Leben in dem großzügig gestalteten Olympischen Dorf und die herzliche Gastfreundschaft der Moskauer bestimmten den weiteren Verlauf der Spiele.

Abschlußfeier zu den Olympischen Spielen in Moskau
Abschlußfeier zu den Olympischen Spielen in Moskau

Und mehr noch: Ein Ergebnis war von besonderer Wert. Die Auseinandersetzungen um die erfolgreiche Durchführung der Olympischen Spiele in Moskau stärkte im IOC sowie in der Öffentlichkeit das Verantwortungsbewußtsein für die Zukunft der Spiele als Höhepunkte des Leistungssports und als weltweite, der Verständigung zwischen den Völkern dienende Veranstaltungen. Sie mußten unter allen Umständen erhalten werden!

Die bei den Spielen 1980 erzielten Resultate der DDR-Mannschaften sind bekannt und Geschichte. Die Leistungen unserer Wintersportler, im harten Wettstreit mit den Besten der UdSSR und der USA erkämpft, erregten international besondere Aufmerksamkeit. Beim Abschlußempfang mit den Mannschaftsleitern in Lake Placid kam der damalige Chef de Mission der BRD-Mannschaft, Walther Tröger, auf mich zu und gratulierte voller Respekt zu dem hervorragenden Abschneiden unserer Sportler. Ich erinnere mich noch, daß ich ihm gegenüber meine Überraschung ausdrückte, daß unsere Mannschaft die im Wintersport bisher führenden Nationen hinter sich lassen konnte, obwohl wir, im Unterschied zu diesen Ländern, über keine günstigen geographischen und klimatischen Voraussetzungen für den Wintersport verfügten.

Ich bin auch heute noch der Auffassung, daß sich die hohe Effizienz des Leistungssports der DDR und der dieses System bestimmenden Faktoren besonders im Wintersport nachweisen und nachvollziehen läßt.

Unsere sehr stark auf zentrale Lehrgänge gerichtetes Vorbereitungssystem war im Wintersport auf das engste mit der gemeinsamen Nutzung von speziellen Trainings- und Wettkampfstätten (Sprungschanzen, Schlitten- und Bobbahnen, Schießanlagen und Loipen) unter günstigen klimatisch-geographischen Bedingungen verbunden. Das erforderte und förderte den Einfluß der betreffende Sportverbände und ihrer Verbands- und Auswahltrainer auf die Sportler und deren Heimtrainer. Es begünstigte den Erfahrungsaustausch und das abgestimmte, gemeinsame Vorgehen bei der Umsetzung der auf Spitzenleistungen gerichteten Trainingskonzeptionen. Es entstanden Ausbildungskollektive unter Einschluß von Ärzten, Physiotherapeuten, Wissenschaftlern und Gerätespezialisten, die eine Arbeit auf hohem wissenschaftlich-technischem Niveau ermöglichten. Alle diese Entwicklungsbedingungen sind auch heute noch zutreffend und notwendig, will man Sportler systematisch, das heißt wissenschaftlich fundiert und wiederholbar, zu Weltspitzenleistungen führen.

Die erfolgreiche, schöpferische Anwendung dieser Faktoren durch ehemalige Spitzentrainer des Wintersports der DDR sind für mich ein überzeugender Beleg dafür, welches starke, die Entwicklung sportlicher Leistungen fördernde Potential auch heute noch von diesen Wirkungsfaktoren ausgeht.