Hochleistungssport

Olympiazyklus 1968 - 1972

Die Ergebnisse unserer Mannschaft in Mexiko-Stadt und besonders die Vergabe der XX. Olympischen Sommerspiele an München lösten auf allen Ebenen der DDR erhöhte Erwartungen aus. Sie verstärkten das öffentliche Interesse am Sport, führten zu gesteigerten personellen, finanziellen und materiellen Aufwendungen des Staates für den Leistungssport und motivierten Sportler, Trainer, Leiter und wissenschaftlich-technische Kräfte zu noch größeren Anstrengungen.


Höhere Ziele für 1972

In seinen Schlußbemerkungen auf der 10. Tagung des Bundesvorstandes des DTSB am 23.April 1969, die sich mit der Vorbereitung auf die Spiele in München befaßte, führte Präsident Ewald unter anderem aus:

"Im Grunde genommen .....müssen wir eine Orientierung geben, in den Sommersportarten möglichst immer zu den vier, fünf, sechs führenden Ländern in der Welt zu gehören. Im Winter, wo unsere Möglichkeiten auf Grund der verschiedenen bekannten Bedingungen geringer sind, müssen wir sehen, daß wir immer zu den acht, neun, zehn Besten gehören. Aber in Hinblick auf München und in Hinblick auf das, was in Mexiko schon erreicht wurde und eben der Auseinandersetzung mit dem westdeutschen Imperialismus würde eine so allgemeine Orientierung nicht genügen. Sie muß in dieser Phase ...weitergesteckt sein."

(Wortprotokoll der Schlußbemerkungen von Manfred Ewald auf der 10. Bundesvorstandssitzung am 23.4.1969)

Unter diesen Gesichtspunkten, konnte die Zielsetzung für die Olympischen Spiele in München nur darin bestehen, die in Mexiko-Stadt erkämpfte dritte Position zu verteidigen und damit eine Platzierung vor der Mannschaft der BRD zu erreichen. Für die Olympischen Winterspiele in Sapporo wurde der 6. oder 7. Platz in der Länderwertung angestrebt. Das waren sehr hochgesteckte Ziele. Sie zu erreichen war nur möglich, wenn in einer größeren Anzahl von Sportarten die Weltspitze mitbestimmt und selbst vorangetrieben würde (Vgl.: Vorlage an das Politbüros der SED vom 8.4.1969 "Die weitere Entwicklung des Leistungssports bis zu den Olympischen Spielen 1972", Seite 2).

Die wichtigsten objektiven und subjektiven Voraussetzungen, diese Ziele anzugehen waren gegeben. In der Tat, die Resultate in Mexiko hatten das Selbstbewußtsein der Athleten und Trainer sehr bestärkt und in vielen Sportarten eine Hochstimmung erzeugt. Hinzu kam, daß der DDR-Sport eine souveräne, gleichberechtigte Stellung in der Olympischen Bewegung und in den Internationalen Förderationen erkämpft hatte. Es verbreitete sich die trotzig-selbstbewußte Losung: „Soll die BRD die Spiele 1972 in München doch ausrichten, wir, die Sportler der DDR werden sie gewinnen!“ Die gezielte politisch-ideologische Arbeit tat ein übriges. Sie motivierte dazu, sich höchsten sportlichen Maßstäben zu stellen und noch besser zu trainieren.

Olympiapark München
Olympiapark München

Motivierte Sportler und kampfstarke Olympiamannschaften

Die Erziehung und Bildung der Sportler im Sinne ihrer allseitigen Persönlichkeitsentwicklung nahm im Leistungssport der DDR von Beginn an stets eine Schlüsselrolle ein. Ihr Ziel bestand in der Entwicklung sozialistischer Sportlerpersönlichkeiten, "die sich durch politische Reife, durch das Streben nach beruflicher Qualifikation, gefestigte psychisch-moralische Eigenschaften, hohe Selbständigkeit in Training und Wettkampf und ein hervorragendes physisches Leistungsvermögen auszeichnen" (Vgl.: Vorlage an das Politbüro der SED vom 10.8.1965 "Weitere Entwicklung des Leistungssports bis 1972", Seite 5/6). Dieses Ziel und der sich daraus ableitende erzieherische Auftrag ergaben sich primär aus dem Charakter der DDR als sozialistischer Staat und der in ihm vorherrschenden Weltanschauung und Moral. Zugleich stellten dieses Ziel und seine Verwirklichung auch eine wesentliche Bedingung für eine erfolgreiche Leistungssteigerung und für die individuelle Entwicklung jedes Sportlers selbst dar. Das Bekenntnis der Sportler zu diesem Staat DDR, die Übereinstimmung zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Interessen, eine klare berufliche Perspektive, die geforderte Mitarbeit und schöpferische Initiative erwiesen sich nach allen unseren Erfahrungen als starke Triebkräfte für die Sportler und ihr zielbewußtes Streben nach hohen sportlichen Leistungen. Es läßt sich nicht verleugnen, daß die Motive der DDR-Sportler bei den Olympischen Spielen an den Start zu gehen und dort für sich, aber auch für diesen Staat, der sich für ihre Entwicklung einsetzte und sie als Sportler allseitig förderte, erfolgreich zu sein, ungemein stark und leistungsstimulierend waren. Viele Sportler hatten die sportpolitischen Auseinandersetzungen, die Anfeindungen und Ausschlußversuche gegen den Sport der DDR persönlich miterlebt und sahen in den Spielen in München die Chance durch sportliche Erfolge dem anderem, größerem Deutschland eine Antwort zu erteilen. Das alles förderte die Motivation und die Übereinstimmung von individuellen, kollektiven und gesellschaftlichen Beweggründen. In den Auswahlkollektiven trugen Erfolge und erzieherisch wirksame Rituale dazu bei, darauf stolz zu sein, Mitglied der National- bzw. Olympiamannschaft zu sein. Es wuchs eine das Training und die Leistungen begünstigende Atmosphäre, in der Leistungsdruck, eine "gesunde Konkurrenz" aber auch vertrauensvolle Beziehungen und kameradschaftliche Hilfe herrschten.

Auf diese Weise entstand eine hoch motivierte, kampfstarke Olympiamannschaft 1972.

Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß ideelle und materielle Anreize wie ein auf internationale Spitzenleistungen und Olympiaerfolge gerichtetes Prämiensystem, ein neu eingeführtes Gehaltsregulativ für Trainer oder die für Medaillengewinner und deren Ehepartner in Aussicht gestellte mehrwöchige Urlaubsreise nach Kuba, diesen Motivierungsprozess nicht unerheblich unterstützten.


Schwierige Entscheidungen

Die Olympiaauswertung 1968 regte auch dazu an, neue Überlegungen über die Anzahl und den Umfang der olympischen Sportarten bzw. Disziplinen anzustellen, die wir für 1972 und darüber hinaus zu fördern in der Lage waren. Auf Analysen gestützt, führten längere Diskussionen in der Sportleitung schließlich zu der Auffassung, daß wir als DDR nicht über die Bedingungen verfügten, um auf breiter Front alle olympischen Sportarten so zu fördern, daß sie Weltspitzenleistungen erzielen konnten. In einer Reihe von Sportarten waren wir von der Weltspitze weit entfernt. Oft mangelte es an erfahrenen Trainern, an der erforderlichen Anzahl trainierter Sportler oder an der Zahl und Qualität der vorhandenen Trainings- und Wettkampfstätten. In die vorhandenen Schwimmhallen zum Beispiel mußten sich drei Sportarten - Sportschwimmen, Wasserball und Wasserspringen teilen, was der erforderlichen Ausweitung des Trainings der Schwimmer Grenzen setzte. Für einzelne Sportarten, wie für den alpinen Skisport, verfügte die DDR nicht über die nun einmal notwendigen geografisch-klimatischen Voraussetzungen. Und im Rasenhockey wäre eine weitere vorrangige Unterstützung nur durch erhebliche Investitionen in Sportstätten auf Kosten anderer Sportarten möglich gewesen. Neben den materiellen Ressourcen verfügten wir auch auf wissenschaftlichem Gebiet damals nur über begrenzte Kapazitäten. Lediglich in etwa der Hälfte der vorrangig geförderten Sportarten bestanden Forschungsgruppen. Meßplätze, Importgeräte, vor allem aber Spezialisten ließen sich nicht aus dem Boden stampfen, obwohl dem Sport in Vorbereitung auf die Spiele in München erhebliche Mittel zuflossen. So erhielt der DTSB für den Zeitraum 1969 - 72 570 neue Planstellen für Trainer, technische und politische Mitarbeiter sowie zusätzlich zu den bereits bestätigten Finanzmitteln weitere ca. 50 Millionen Mark.

Die damals nach dem 7. Parteitag der SED geführte Diskussion über wissenschaftliche und ökonomische „Pionierleistungen“, die nur durch eine Konzentration der Kräfte und Mittel möglich erschien, beeinflußte natürlich auch unsere Überlegungen. Denn auch im Sport war der Welthöchststand nur durch einen konsequenten, auf Schwerpunkte gerichteten Einsatz aller verfügbaren Potenzen sicher zu erreichen. Dafür bestanden in den bislang erfolgreichen Sportarten erhebliche Entwicklungsmöglichkeiten, die es vordringlich zu erschließen galt. Ungeachtet des guten Abschneidens unserer Schwimmer in Mexiko-Stadt, waren unsere Olympiateilnehmer in 13 der insgesamt 24 Einzeldisziplinen nicht in den Finalwettkämpfen vertreten. Ähnliches galt auch für die Leichtathletik.

Sapporro - Olympisches Dorf Winterspiele 1968Sapporro - Olympisches Dorf Winterspiele 1968

Andere Länder wie die USA und Australien (Sportschwimmen und Leichtathletik) oder auch Holland (im Eisschnelllauf) bewiesen, dass es offensichtlich langfristig erfolgversprechend war, sich auf die großen, medaillen- und punktintensiven Sportarten zu konzentrieren. Ebenso wiesen die von uns angestellten Analysen darauf hin, daß wir uns verstärkt um die Frauendisziplinen, bei denen ein weiterer Zuwachs im olympischen Wettkampfprogramm vorauszusehen war, kümmern mußten.

Unter Berücksichtigung dieser Erkenntnisse kamen wir zu dem Schluß, daß etwa 18 Sportarten im Sommersport und 5 bis 6 im Wintersport ausreichend sein würden, um über einem längeren Zeitraum stabil einen vorderen Platz unter den leistungsstärksten Ländern zu belegen. Im Ergebnis trafen die LSK und das Präsidium des DTSB die in ihren Konsequenzen weitreichende Entscheidung, die leistungssportliche Förderung der Sportarten Basketball, Hockey, Wasserball, Moderner Fünfkampf, Ski-Alpin und Eishockey schrittweise einzustellen und diese Sportarten unter Beachtung ihrer Spezifik vorrangig auf den Breiten- und Wettkampfsport in der DDR auszurichten.

Als Mitglied der LSK und des Präsidiums des DTSB habe ich an diesen Entscheidungen aktiv mitgewirkt und dementsprechend auch Mitverantwortung. Aus den stundenlangen Debatten mit meinem Freund Peter Neugebauer, der Vizepräsident im Sportverband Moderner Fünfkampf war, und aus meiner eigenen Vorliebe zum Basketball, das ich als Leichtathlet selbst gern betrieb, vermochte ich einiges von dem nachzuvollziehen, wie schwer es den Sportlern, Übungsleitern, Trainern und Funktionären dieser Sportarten damals fiel, unsere Entscheidungen zu verstehen, geschweige denn zu akzeptieren. Hier baute sich eine Frustration auf, die sich, ungeachtet der Tatsache, daß auch diese Sportverbände im DTSB eine weiterhin geachtete Position einnahmen und eine insgesamt wachsende finanzielle und personelle Unterstützung erhielten, über viele Jahre anstaute und in der Zeit der Wende gegen die „alte“ Sportleitung entlud. Mir wurde zunehmend bewußt, dass wir 1969 durch unsere Beschlüsse zwar Ressourcen, Kräfte, Finanzmittel und Trainingszeiten gewonnen, aber auch die Zustimmung von Weggefährten und Sportfreunden zu unseren Entscheidungen verloren hatten. Damals war ich davon überzeugt, daß unser Vorgehen richtig und notwendig war.


Wirksamere Trainings- und Wettkampfsysteme

Zurück zur Olympiavorbereitung 1972. Auch in der sportlichen Ausbildung standen in diesem Olympiazyklus wichtige Aufgaben an.

Unsere bewährte Strategie, die Wirksamkeit der Trainings- und Wettkampfsysteme in den Sportarten ständig zu erhöhen, wurde fortgeführt. Auf der Grundlage mehrjähriger, bis zu den Spielen 1972 gültiger Trainingskonzeptionen steigerten die Sportverbände die Belastungsanforderungen der Olympiakandidaten. Dem Training der Frauen wurde mehr Aufmerksamkeit geschenkt und eine Spezialisierung von Trainern auf diesen Bereich gefördert. Mit Unterstützung der Ärzte und Physiotherapeuten gelang es besser, die Wiederherstellungsprozesse nach und zwischen hohen Belastungen zu beschleunigen. Die Periodisierung der Trainingsjahre wurde rechtzeitig auf die Termine der Olympischen Spiele ausgerichtet und im Jahr davor erprobt.

Erfolgsspinne VolleyballErfolgsspinne Volleyball

Ein weiterer Schwerpunkt bestand auch darin, die bei der Akklimatisierung auf die Spiele in Mexiko-Stadt gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse in der Praxis weiter zu nutzen und wissenschaftlich auszubauen. Das galt besonders für den sogenannten Nachhöheeffekt, bei dem Sportler nach einem mindestens dreiwöchigen Höhentraining im Flachland für eine gewisse Zeit über eine gesteigerte Leistungsfähigkeit verfügten, die für die in dieser Zeit liegenden Wettkämpfe bewußt ausgenutzt wurde. Uns schien, daß andere Länder nach Mexiko daraus kaum Schlußfolgerungen zogen, während wir diesen Reaklimatisationseffekt in vielen Sportverbänden systematisch weiter ausschöpften. So führten insbesondere die Ausdauer-, aber auch andere Sportarten jährlich bis zu drei Trainingszyklen in der Höhe durch. Die gemeinsam mit Bulgarien betriebene Sportbasis in Belmeken bot dafür die Voraussetzungen.


EDV-gestützte Trainingsauswertung

Bis 1972 wurden auch wesentliche Fortschritte beim Übergang von der manuellen zur EDV-gestützten Trainingsauswertung vollzogen. Unterstützt von Spezialisten aus dem Leipziger Forschungsinstitut (FKS) leistete das von Dr. Ullrich Bachmann geleitete Informationszentrum gemeinsam mit den WZ der Sportverbände dafür die Hauptarbeit.

Vergleich der LeistungsstrukturVergleich der Leistungsstruktur

Die Vorbereitung des Einsatzes eines mittelgroßen Rechners im DTSB beschleunigte die weitere Verbesserung des Dokumentations- und Auswertungsprozesse. In der sportartspezifischen Trainingsdokumentation waren viele Aufgaben, Mittel und Methoden noch nicht ausreichend konkret in Kennziffern gefaßt. Die erfaßten Werte wiederum genügten oft noch nicht den Anforderungen, die an mathematisch-statistische Kenngrößen zu stellen waren. Vielfach fehlten auch Test- und andere Bezugswerte, die für die Bestimmung der Trainingswirksamkeit erforderlich waren. Mit Nachdruck mußte in den einzelnen Sportarten bzw. Disziplinen mit Hilfe der Forschung darauf Kurs genommen werden die Struktur der Leistungen weiter aufzuhellen und sie als meß- und berechenbare Größen darzustellen. Alle diese Aufgaben ließen sich nur in geduldiger Kleinarbeit bewältigen und beschäftigten WZ, Forschungsgruppen und Informationszentrum über einen längeren Zeitraum hinweg.

Ab 1971 begannen wir - wenn auch mit mancherlei Störungen - mit der rechnergestützten Bearbeitung der Trainingsdokumentation. Schritt für Schritt wurde eine Sportart nach der anderen überführt. Seitdem stapelten sich auf meinem Schreibtisch die maschinell gefertigten Ausdrucke mit Trainingswerten und graphischen Übersichten. In den mit den Verantwortlichen der Verbände durchgeführten Kontrollberatungen füllten Übersichten und Tabellen oft ganze Wände. Auch hier mußten "Kinderkrankheiten" durchlitten und überwunden werden.

Der Übergang von der ausschließlich manuellen zur vorwiegend maschinellen Bearbeitung der Trainingsdaten war getan, aber das Ende des Tunnels, der in diesem Fall über die Nutzung großer Mietrechner bis hin zu flexibel einsetzbaren Personalcomputern führen sollte, war bei weitem nicht abzusehen.


Frühzeitige Formierung der Olympiamannschaften

Unsere langfristige Arbeit im Hochleistungssport und der in der vorangegangenen Olympiade eingeleitete Aufschwung im Nachwuchssport versetzten uns erstmalig in die Lage, schon frühzeitig den Kandidatenkreis für 1972 zu formieren. Schon 1969 benannten die Verbände einen erweiterten Kreis der Olympiakandidaten. Das stimulierte viele junge Athleten mit Anschlußleistungen.

Ende 1970 erfolgte durch das Präsidium des DTSB und die LSK eine offizielle Berufung der Olympiakandidaten. Die Grundlage dafür bildeten die Nominierungsprinzipien der Sportverbände, die sich am aktuellen Weltniveau (Weltbestellisten, Welt- und Europameisterschaften, Wettkämpfe und Turniere mit Gegnern der Weltspitze) orientierten und solche psychisch-moralische Eigenschaften wie Leistungsstabilität und Steigerungsfähigkeit einschlossen.

Im Verlaufe des Jahres 1971 erfolgte eine Einengung der Kandidaten, bevor im Olympiajahr die Teilnehmer an den Spielen durch die LSK dem Nationalen Olympischen Komitee der DDR vorgeschlagen und von diesem offiziell berufen wurden. Mit guten fachlichen Argumenten hatten Sportverbände und trainingsmethodischer Bereich durchsetzen können. daß die Olympiateilnehmer bereits vor Beginn des Abschnittes der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung berufen wurden. Das gewährleistete die unbedingt erforderliche Ruhe unter den Athleten und eine volle Konzentration auf die in der uWV angestrebte Ausprägung des maximalen Leistungsvermögens. Abweichungen von diesem Grundsatz und eventuelle Nachnominierungen wurden nur in zwingenden Ausnahmefällen bestätigt.

Das gewählte Vorgehen bei der Auswahl und Nominierung der Olympiamannschaft 1972 bewährte sich und wurde deshalb für die kommenden Olympiaden beibehalten.


Einige Anmerkungen zu den Olympischen Spielen in München und in Sapporo

Was gibt es aus meiner Sicht zu den Spielen in Sapporo und München selbst noch anzumerken?

Bekanntlich erreichten die Sportler beider DDR-Mannschaften Leistungen, die auch die kühnsten Erwartungen der Fachleute übertrafen. In einem im Mai 1967 gehaltenen Vortrag hatte ich die Prognose gewagt, daß unsere Mannschaft in München etwa 40 bis 45 Medaillen, davon ca. 15 Siegleistungen, und insgesamt 300 bis 350 Punkte in einer Länderwertung erkämpfen müßte, um den 3. Rangplatz von Mexiko zu verteidigen. Die Ergebnisse in München übertrafen alle Prognosen.

Leistungsentwicklung der WintersportländerLeistungsentwicklung der
Wintersportländer

Im Rudern und Kanu-Slalom belegten die Sportler der DDR den 1. Rangplatz in einer Länderwertung, in der Leichtathletik den 2. und im Sportschwimmen, Gerätturnen, Radsport, Fuß- und Volleyball den 3. Und auch die Ergebnisse der Wintersportler, allen voran der Schlittensportler, die alle 8 in ihrer Sportart für ein Land möglichen Medaillenränge belegten, waren phantastisch. Sie zeugten von der hohen Leistungsfähigkeit, der Kampfmoral und dem tollem Gemeinschaftsgeist beider Olympiamannschaften.

Altersstruktur der Olympiateilnehmer 1972Altersstruktur der
Olympiateilnehmer 1972
Anteil der SportartenAnteil der Sportarten

Es ist hier nicht der Platz, um über die vielen, unvergesslichen Eindrücke in Sapporo und München zu berichten. Doch zu den Spielen in München drängen sich mir einige, wenige Gedanken auf. Das heitere Flair dieser Spiele, die architektonisch eindrucksvollen Sportstätten und die spannenden Wettkämpfe sind mir unvergessen geblieben, aber noch tiefer haben sich in meinem Gedächtnis die Ereignisse des 5. Und 6. September 1972 eingebrannt, als die Spiele zum Schauplatz des politischen Terrorismus wurden. Als ob es erst gestern gewesen wäre, so erinnere ich mich detailliert daran, wie wir nach den schrecklichen Ereignissen des Tages am Abend des 5. September in der Nähe des Olympischen Dorfes zur Sitzung unserer Hauptleitung zusammen kamen und vom Balkon aus den Abflug der drei Hubschrauber mit den Geiseln und Terroristen aus geringer Entfernung beobachten konnten. Gespenstig mit ihren Warnlichtern blinkend stiegen sie auf, um kurz darauf am nächtlich schwarzem Himmel für immer zu verschwinden. Spät nachts erfuhren wir durch das Fernsehen, entsetzt wie alle, von dem Inferno das sich auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck zugetragen hatte und 15 Menschen das Leben kostete. Unsicherheit, Beklemmung und Ohnmacht überschatteten den weiteren Verlauf der Münchener Spiele. Doch mit ihrer Fortsetzung, die die Unterstützung des NOK der DDR und unserer Olympiamannschaft fand, erwies sich die olympische Idee stärker als Gewalt und Terror.