Hochleistungssport

Olympiazyklus 1960 - 1964

Tokio 1964 Als ich im Oktober 1961 im Bundesvorstand des DTSB die Leitung des Sektors sportliche Ausbildung übernahm, war mir nur zu einem Teil bewußt, daß das Sportjahr 61 nicht besonders erfolgreich verlaufen war. In der Leitung des DTSB und in den Sportverbänden herrschte eine kritische Atmosphäre. Der zu den Olympischen Spielen 1960 in einigen Sportarten erkennbare Leistungsaufschwung konnte 1961 nicht fortgesetzt werden. Im Gegenteil - es gab ernste Rückschläge. Die für die Spitzenathleten in den einzelnen Sportverbänden geplanten Leistungsziele konnten nur zu 30 bis 50 % erreicht werden.


Das "Zwischenjahr" 1961

Man sprach von einem "Zwischenjahr" und als Ursachen dafür wurden Mängel in der Führung und Kontrolle, in der politisch ideologischen Erziehung und in der Durchsetzung des wissenschaftlich-methodischen Fortschritts im Training benannt.

In Auswertung der Olympischen Spiele 1960 hatten sich der DTSB und seine Sportverbände für die folgenden Jahre sehr hohe, vor allem politisch motivierte Leistungsziele gestellt. In der für 1964 wiederum zu erwartenden gemeinsamen deutschen Olympiamannschaft sollten 60 Prozent der Sportler aus der DDR kommen. Man rechnete damit, daß sie „mehr Medaillen erringen und insgesamt eine bessere Platzierung als Westdeutschland erreichen“ ( Vgl. Vorlage an das Politbüro der SED vom 20.2.1961 „Vorbereitung der Olympischen Spiele 1964“, Seite 1). Aus diesen Erwartungen leiteten sich für die einzelnen Sportarten gleichermaßen hohe und zum Teil unreale Zielsetzungen ab. So sollten beispielsweise in allen alpinen Skidisziplinen Plätze unter den besten Zwölf der Olympiawettbewerbe erkämpft werden. Im Sportschwimmen rechnete man nicht nur mit 75 % der Mannschaftsteilnehmer, sondern - ebenso wie in der Leichtathletik - mit einem vierten Rangplatz in einer Länderwertung bei den Spielen. Die Olympischen Spiele 1964 führten zu der ernüchternden Erkenntnis, daß diese Ziele damals unrealistisch waren. Sie erwiesen sich in weiten Teilen als Wunschvorstellungen, die an der tatsächlichen internationalen Entwicklung sportlicher Spitzenleistungen und den sich daraus objektiv ergebenden Maßstäben vorbeigingen.


Viele offene Fragen und manche Vorbehalte

Zwar gab es in den 1961 erarbeiteten Beschlüssen viele richtige Anforderungen und Aufgaben, aber es fehlte offensichtlich - aus späterer Sicht betrachtet - an den Voraussetzungen, insbesondere an den notwendigen wissenschaftlichen und praktischen Vorlauf, um die angestrebten Ziele hinreichend sicher erreichen zu können. So wurde in Auswertung der Spiele 1960 - theoretisch durchaus berechtigt - die Erarbeitung mehrjähriger Trainingspläne gefordert, aber weder Wissenschaftler noch Trainer verfügten damals in ausreichenden Maße über das in der Praxis geprüfte Wissen, das es ihnen ermöglichte, diese Pläne inhaltlich so auszuarbeiten, daß im Ergebnis ihres Umsetzens mit relativ hoher Sicherheit Weltspitzenleistungen erwuchsen.

Was wußten wir damals über die genaue Struktur sportlicher Höchstleistungen in den verschiedenen Disziplinen? Und wie sollte das Training entsprechend dieser Struktur im Jahres- oder gar im Mehrjahresverlauf optimal gestaltet werden?

In der praktischen Arbeit erwies es sich als zweckmäßiger, daß wir uns als erstes auf die Jahrestrainingsplanung konzentrierten. Rahmentrainingspläne (RTP) und individuelle Pläne (ITP) für den Zeitraum eines Jahres rückten deshalb in unserer Arbeit in den Vordergrund.

Neben dem Mangel an wissenschaftlichen Erkenntnissen und erprobten Erfahrungen gab es auch ideologische Vorbehalte. Manche Trainer stellten damals eine konkrete Planbarkeit des Trainings ihrer Sportler generell in Frage. War nicht alles von den Besonderheiten der Sportart, der Disziplin die man betrieb und vor allem von den ganz individuellen Voraussetzungen des Sportlers abhängig? Und bestand überhaupt, wie von uns immer wieder hervorgehoben, ein objektiver Zusammenhang zwischen Training, Trainingsbelastung und sportlicher Leistung?

Wie sich zeigte, bedurfte es längerer Zeit und manchmal sogar mehr als einen Olympiazyklus bis sich die Erkenntnis allgemein durchgesetzt hatte: So wie wir trainieren und sich die Athleten belasten, so wird im Ergebnis auch ihre Leistung sein!

Damals, 1961, glaubte man, daß sich alles viel schneller vollziehen und durchsetzen ließe. Doch bei aller Kritik an den oft unrealen Erwartungen und der damit verbundenen Ungeduld wurden Anfang der sechziger Jahre viele richtungsweisende Entscheidungen getroffen und wichtige Weichen gestellt. Der wissenschaftlich-methodische Fortschritt und seine Durchsetzung rückten zunehmend in das Zentrum der Arbeit der Trainer, Wissenschaftler und Leiter. Es wurde die Aufgabe gestellt, die Trainingsbelastung zu steigern, Bewegungseigenschaften und -fertigkeiten durch rationellere Mittel und Methoden zu entwickeln, das Training zyklischer zu gestalten und eine vielseitige körperliche Ausbildung als Basis für höhere sportliche Leistungen durchzusetzen. Wichtige leitungspolitische und organisatorische Maßnahmen sollten die Verwirklichung dieser inhaltlichen Schwerpunkte flankieren und unterstützen. So wurde die Leistungssportkommission umgebildet und ihre Vollmachten erheblich erweitert, in den Sportverbänden entstanden Olympiakommissionen und Sportärztekommissionen von denen ein konstruktiv Einfluß auf die Trainingsgestaltung ausgehen sollte. Zur fachlichen Qualifizierung der Trainer fanden Konferenzen und ein organisierter Erfahrungsaustausch statt.

Für eine ganze Reihe dieser Aufgaben erhielt der Sektor sportliche Ausbildung bzw. ab 1963 die Arbeitsgruppe Olympiavorbereitung eine zunehmend höhere Verantwortung übertragen.


Für höhere Trainingsbelastungen

Das betraf auch die Durchsetzung einer höheren Belastung im Training in den Sportverbänden und Sportclubs. Vergleiche zwischen den von den Weltbesten in den Ausdauerdisziplinen trainierten Belastungsumfängen mit denen unserer Spitzenathleten offenbarten Rückstände zwischen 25 und 40 Prozent. Im Sportschwimmen ergaben Informationen sowie eine Analyse der Altersgruppenprogramme der USA, daß bereits 11- bis 13-jährige amerikanische Jungen und Mädchen mit einem Schwimmtraining von 6 bis 8 Kilometern am Tag ein Pensum absolvierten, dass 1962/63 annähernd unser damaliger Spitzenkader bewältigte. Derartige Beispiele wurden genutzt, um in vielen Gesprächen, Diskussionsrunden und Konferenzen mit Trainern und Sportlern die erforderliche Bereitschaft zu gesteigerten Belastungen zu schaffen, zumal wir davon ausgehen konnten, dass durch die in der DDR bestehenden großzügigen gesetzlichen Regelungen zur beruflichen bzw. schulischen Förderung unserer Leistungssportler dafür ein ausreichendes Zeitbudget gegeben war. Spätere Trainingsanalysen belegten, daß etwa 3 bis 4 Jahre notwendig waren, um an den damals ermittelten Trainingsumfang der Weltspitze heranzukommen.

Trainingsbelastung Ringen
Trainingbelastung Ringen
Trainingsbelastung Rudern
Trainingsbelastung Rudern

Grundsätzlich gingen wir davon aus, daß zwischen Trainingsumfang und -intensität engste Zusammenhänge und Abhängigkeiten bestehen. Während bei der Mehrzahl der Sportarten eine Objektivierbarkeit des trainierten Umfangs relativ leicht und genau möglich war, standen wir bei der objektiven Erfassung der Trainingsintensität in einer Reihe von Sportarten wie zum Beispiel den Spiel- und Kampfsportarten vor kaum oder nicht lösbaren Problemen. Das führte über Jahre dazu, daß bei der Planung und Umsetzung einer höheren Trainingsbelastung die quantitativen Aspekte zu sehr in den Vordergrund rückten. Diese Tatsache brachte den trainingsmethodischen Bereich und auch mir persönlich des öfteren den Vorwurf ein, zu einseitig auf Umfangserhöhungen oder wie es im Fachjargon hieß, auf eine "Kilometer- und Tonnenideologie" zu orientieren.

Insgesamt gesehen, erwies sich unsere konsequente Ausrichtung auf eine in ihren quantitativen und qualitativen Komponenten dynamisch ansteigende Trainingsbelastung als richtig und erfolgreich. Sie entwickelte sich in den Folgejahren zu einem Hauptweg bei der systematischen Leistungssteigerung im Hochleistungs- und Nachwuchssport der DDR. Sportverbände wie Rudern, Leichtathletik und Schlittensport und später auch Sportschwimmen, Kanurennsport, Radsport, Boxen und Biathlon gingen dabei beispielhaft voran und entwickelten Belastungsmaßstäbe, die damals Spitzenmaßstäbe darstellten.


Schwerpunkte Krafttraining und uWV

In trainingsmethodischer Hinsicht - so erinnere ich mich - war die im September 1962 durchgeführte Konferenz zum Krafttraining von besonderer Bedeutung. Diese auf Initiative der Forschungsstelle durch die Leistungssportkommission einberufene zweitägige Veranstaltung, an der etwa 400 Personen, unter ihnen alle Olympiatrainer, teilnahmen, löste in fast allen Sportarten viele schöpferische Impulse aus. Ausgehend von der im Hauptreferat von Dr. Gundlach begründeten Unterscheidung der verschiedenen Erscheinungsformen dieser grundlegenden körperlichen Eigenschaft - Maximalkraft, Schnellkraft und Kraftausdauer - vermittelte die Konferenz wertvolle Denkanstöße und Hilfen für ein effektiveres allgemeines und spezielles Krafttraining.

Ähnliche Wirkungen erzielten auch ein Seminar zum Ausdauertraining sowie ein Erfahrungsaustausch und darauf aufbauende Untersuchungen zum Komplex der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung (uWV). Die Tatsache, daß zu den Olympischen Spielen in Rom lediglich 13 % der DDR-Athleten Jahresbestleistungen erreichten, regte die Bildung einer Forschungsgruppe unter der Leitung des Stellvertretenden Direktors der Forschungsstelle, Dr. Lehnert, an. Die Untersuchungen in Verbindung mit den Welt- und Europameisterschaften 1962 führten zu neuen, tieferen Einsichten über die Rolle dieser letzten Trainingsetappe in Vorbereitung auf Wettkampfhöhepunkte. Sie wurde als ein „selbständiger in sich geschlossener Trainingszyklus“ innerhalb einer Wettkampfperiode definiert, der in seiner Struktur der Trainingsperiodisierung eines Jahres ähnelt und in dem es eigene spezifische Aufgaben zu lösen galt (Vgl. Lehnert, A.: Unmittelbare Vorbereitung auf entscheidende Wettkämpfe. In: Theorie und Praxis des Leistungssports, Heft 2,1963, Seite 12). Die sportartentsprechende Ausgestaltung und praktische Umsetzung dieser Erkenntnisse unterstützte das Abschneiden unserer Olympiateilnehmer bei den Spielen 1964 positiv. Langfristig erwies sich die Theorie und Methodik der uWV und ihre ständige Vervollkommnung als eine der hauptsächlichen Ursachen für die nachweisbar hohe Steigerungsfähigkeit der DDR-Athleten bei vielen internationalen Meisterschaften und Olympischen Spielen.


Tokio und die "innere Uhr"

Einmarsch Tokio 1964
Einmarsch in Tokio 1964

Die Spiele in Innsbruck und Tokio stellten uns seinerzeit vor sehr unterschiedliche Aufgaben und Probleme, fanden sie doch unter ganz speziellen zeitlichen, klimatischen und politisch-organisatorischen Bedingungen statt. Das traf in besonderen Maße auf die Spiele im fernen Tokio zu. Bekanntlich beträgt der Zeitunterschied zwischen Deutschland und Japan plus 8 Stunden. Das bedingte für Leistungssportler eine Umstellung auf einen neuen Tag- Nachtrhythmus, deren Verlauf und Auswirkungen auf einen hochtrainierten Organismus damals nur wenig erforscht waren. Außerdem galt es klimatische Faktoren und die für den Aufenthalt unserer Sportler gegebenen organisatorischen und sonstigen Bedingungen zu berücksichtigen. Um das alles rechtzeitig zu erkunden und abzuklären, reiste im Oktober 1963 eine Beobachterdelegation zu den vorolympischen Wettkämpfen nach Tokio. Neben drei bekannten Spitzensportlern - Barbara Goebel (Sportschwimmen), Manfred Matuschewski (Leichtathletik/Lauf) und Klaus Ampler (Straßenradsport) - und mehreren Spezialisten gehörte auch ich zu dieser Delegation, die von Günther Heinze, Vizepräsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), geleitet wurde. Bereits Wochen zuvor begannen in der DDR die Vorbereitungen für die Reise. Es entstand ein umfangreiches Testprogramm, das von medizinischen Erhebungen über Sprung- und Handkraftmessungen bis hin zu 400-m Kontrollläufen reichte. Die drei Sportler absolvierten vor und während des Tokioaufenthaltes eine sportartspezifische unmittelbare Wettkampfvorbereitung mit entsprechenden Leistungskontrollen. Mir fiel unter anderen die Aufgabe zu, von unseren Delegationsmitgliedern jeden Morgen eine Teil der Tests abzufordern, die Angaben über Schlafdauer und -tiefe einzusammeln und mich als ehemaliger Zehnkämpfer mit dem notwendigen Ehrgeiz an den Testläufen über 400 Meter zu beteiligen.

Es war in jeder Hinsicht eine unvergeßliche Reise - eine Reise wie man sie heute im Zeitalter der Nonstop-Flüge mit Superjets nicht mehr erlebt. Sie führte uns von Berlin mit Zwischenlandungen in Prag, Belgrad, Beirut, Dharan, Bombay, Rangun, Bangkok und Hongkong nach Tokio. Einer Flugpanne in Belgrad geschuldet, mußten wir in Rangun eine zweitägige Unterbrechung einlegen, die wir mit Unterstützung des gerade eingerichteten Generalkonsulats der DDR sinnvoll für sportliche Kontakte und gemeinsames Training mit burmesischen Sportlern nutzten. So kamen wir erst später als vorgesehen in Japan an, doch mit umso größerer Einsatzbereitschaft und Disziplin erfüllten wir unser Untersuchungsprogramm ohne Abstriche.

In Auswertung der Reise ergaben sich wichtige Schlußfolgerungen für die Anreisetermine der Sportler, für die Wahl einer zeitlich kurzen Flugroute sowie für die trainingsmethodische Durchführung der uWV vor und in Tokio selbst. Wir entschieden uns für eine frühzeitige Anreise 12 Tage vor Wettkampfbeginn in verschiedenen Gruppen um allen Olympiateilnehmern einen ausreichend langen Zeitraum zur physischen und psychischen Anpassung zu gewährleisten.

Die Leistungen unserer Sportler bei den Olympischen Spielen in Innsbruck und Tokio zeugten davon, daß sich die in den vorangegangenen Jahren eingeleiteten Anstrengungen und Veränderungen positiv auswirkten. Ungeachtet der politischen und sportlichen Schwierigkeiten, die die Ausscheidungskämpfe und die dadurch begrenzten Startmöglichkeiten in der gemeinsamen Mannschaft mit sich brachten, erzielten die Sportler unseres Landes 1964 viele hervorragende Resultate. Gegenüber den Spielen 1960 erreichten die Mannschaften bei den Sommer- und Winterspielen einen beachtlichen Leistungszuwachs und verbesserten sich jeweils auf den 8. Rangplatz einer inoffiziellen Punktewertung der teilnehmenden Länder. Gewiß - zwischen den einzelnen Sportarten bestanden noch deutliche Unterschiede. Doch in ihrer Mehrzahl waren grundlegende Voraussetzungen für weitere Leistungsfortschritte geschaffen worden.