Funktionen und Ziele, Grundlagen und Merkmale des Leistungssports in der DDR

Systemziele

Anstelle einer Einleitung

Nachdem ich im Frühjahr 2001 im Internet meine Homepage über den Leistungssport in der DDR eröffnet hatte, erhielt ich von einem der Besucher der Webseite folgende E-Mail:

".....Ich habe die Abschnitte Ihrer Arbeit im Internet gelesen und fand Ihre Schilderungen über die Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele und natürlich auch über die Nachwuchsförderung des damaligen DDR-Sportsystems sehr interessant. Mich würde Ihre Meinung zu den folgenden Fragen interessieren.
1) Hätte es keinen Wettstreit gegeben zwischen den zwei Gesellschaftsordnungen, Ost-West, meinen Sie, dass die DDR ein solch effizientes Sportprogramm aufgebaut hätte.
2) Die Regierung hat sicherlich einen Einfluss auf das sportliche Geschehen gehabt und hat stets behauptet, dass die sportlichen Erfolge aufgrund der sozialistischen Staatsform möglich waren. Die Sportler sollten auch für den sozialistischen Staat gewinnen um den Westen zu zeigen, dass im sozialistischen Staat, Sport und Gesundheit auf einer höheren Ebene waren.
Was halten Sie davon und meinen Sie dass die Sportler wirklich den Erfolg nur für den Staat erringen wollten, oder hat auch noch der eigene Ruhm eine Rolle gespielt?
Herr Röder, ich kann mir gut vorstellen, dass Sie ausserordentlich beschäftigt sind. Hoffentlich finden Sie doch die Möglichkeit mir zu schreiben. Vielen Dank....."

Meine Antwort lautete damals:

".....In gebotener Kürze einige Gedanken zu den von Ihnen geäußerten Fragen:
Zu 1.

Hierzu antworte ich Ihnen mit einem Ja und Nein! Natürlich wirkte die damalige Systemauseinandersetzung auf die Entwicklung des Leistungssports in der DDR ein. Das galt aber auch für andere im Sport führende Länder, wie sich an Programmen und praktischen Maßnahmen des Sports in den USA, der alten BRD und vielen weiteren Ländern belegen läßt.
Zugleich erfaßt jede Überbetonung dieses Faktors völlig ungenügend das weitaus komplexere Einflußgefüge, das objektiv zu den langjährigen Erfolgen des DDR-Leistungssports führte.
- Der (auch) in der DDR zu verzeichnende Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit vermag nach meinem Ermessen nichts daran zu ändern, daß sie in vieler Hinsicht eine "Leistungsgesellschaft" war und auf wirtschaftlichem, wissenschaftlich-technologischem und geistig-kulturellem Gebiet nach Spitzenleistungen strebte. Der Sport empfing daraus vielfältige Impulse und wirkte mit seinen Erfolgen nach innen leistungsstimulierend zurück. Auch aus solchen Funktionen erklärt sich maßgeblich das Gewicht des Sports im Leben der DDR und das gesellschaftliche Interesse an hohen sportlichen Leistungen.
- Völlig unabhängig von allen aktuellen internationalen Einflüssen leitete sich vor allem aus den von Karl Marx vorgezeichneten Menschenbild einer allseitig entwickelten, sozialistischen Persönlichkeit in ihrer Einheit von Körper und Geist der in allen sozialistischen Staaten zu verzeichnende hohe gesellschaftliche Stellenwert von körperlicher Bildung, Sport und Körperkultur ab. Sie galten als wichtige Prämissen für die allseitige Vervollkommnung, für eine gesunde Lebensweise und eine sinnvolle Freizeitgestaltung der Menschen. ( Der Dichter und Kultusminister Johannes R. Becher trieb diesen Anspruch auf die Spitze, in dem er in der "Lebensweise des Sportlers" weitgehend den Lebensstil einer neuen Generation" zu sehen glaubte. Viele von uns, die wir für den Sport und Leistungssport in der DDR wirkten, waren von derartigen Visionen fasziniert.)
- In diesem kultur- und sportpolitischen Konzept nahm die Anerkennung und Förderung individueller Begabungen und des sportlichen Talents einen festen Platz ein. Unabhängig von der soziale Stellung der Eltern sollten alle Talente des Volkes gefördert werden. Schon außergewöhnlich früh (1952, also lange bevor der "Wettstreit zwischen den zwei Gesellschaftsordnungen" seinen Höhepunkt erreichte) entstanden in der DDR mit den Kinder- und Jugendsportschulen Spezialschulen des sportlichen Nachwuchses aus denen Generationen hervorragend ausgebildeter Athleten hervorgingen.
- Schließlich erscheint es mir berechtigt, auf den Einfluß subjektiver Faktoren hinzuweisen. Die Männer, die an der Spitze der DDR standen (besonders W. Ulbricht und auch W. Pieck) waren von Kindheit an selbst mit dem Sport eng verbunden und schenkten seiner Entwicklung sowohl in der Breite als auch in der Spitze persönlich größte Aufmerksamkeit.
Erst aus einer derartigen, hier nur angedeuteten, komplexen Sicht lassen sich nach meinem Ermessen die Ursachen für die breite gesellschaftlich-staatliche Förderung des Sports und für den Aufstieg des DDR-Sports in die Weltspitze erklären.

Zu 2.

Hier möchte ich Sie auf die im Abschnitt "Olympiade 1968 -72" dargestellten Überlegungen zur Erziehung und zur Ausprägung von individuellen, kollektiven und gesellschaftlichen Motiven bei unseren Sportlern hinweisen. Dabei wird von mir selbstverständlich anerkannt, daß diese Motivierung beim einzelnen Sportler sehr unterschiedlich gewichtet sein konnte und individuelle Beweggründe zum Teil sehr dominant gewesen sein mögen. Wir haben nie die Illusion von einem Erfolgsstreben "nur für den Staat" vertreten, sondern stets auf eine vielseitige Motivierung der Athleten hingewirkt. In ihr hatten starke persönliche (ideelle und auch materielle) Motive einen außerordentlich wichtigen Platz.
Soweit einige Gedanken zu den von Ihnen an mich gerichteten Fragen...."


Zur gesellschaftlichen Funktion des Leistungssports in der DDR

Mit meiner Antwort wollte ich versuchen, das verbreitete Klischee zu korrigieren, daß der Leistungssport in der DDR ausschließlich eine politische bzw. außenpolitische Funktion gehabt hätte.

Natürlich spielte der Leistungssport eine wichtige Rolle bei der internationalen Anerkennung der DDR als eigenständiger Staat. Er war hineingestellt in die weltweite Systemauseinandersetzung zwischen Sozialismus und Kapitalismus und wurde dafür auch instrumentalisiert.

Ähnliches läßt sich für den Leistungssport in der früheren BRD nachweisen. Der Boykott der Olympischen Spiele 1980 durch das NOK auf Druck der damaligen Regierung der BRD ist das wohl eklatanteste Beispiel dafür. Die Gründe dafür waren ausschließlich außenpolitischer Natur. Und auch heute ist der Hochleistungssport in nahezu allen Ländern ein nicht zu unterschätzendes Element der Außenpolitik. Das sehr einprägsame Bild vom "Sportler als Diplomat im Trainingsanzug" war und ist in vielen Ländern verbreitet. Man verknüpft damit eine bestimmte gesellschaftliche Wirkung bzw. eine Erwartung der Öffentlichkeit und des Staates an den Sportler bzw. an den Leistungssport insgesamt.

In der DDR gingen wir stets von einer sehr komplexen gesellschaftlichen Funktion des Leistungssports aus. Als ein Teil der sozialistischen Körperkultur erfüllte er spezifische politische, kulturelle und erzieherische Aufgaben. Er wirkte auf innen- und außenpolitischer Ebene, leistete einen wichtigen Beitrag zu einer kulturvollen Lebensweise der Bevölkerung und ermöglichte vielen jungen Menschen ihr Bedürfnis und ihr Streben nach hohen Leistungen und sportlichen Erfolgen zu befriedigen. Aus dieser breiten gesellschaftlichen Aufgabenstellung des Leistungssports haben wir nie ein Geheimnis gemacht.

Bereits 1958 wies Hans Schuster in einem Beitrag über Grundfragen des Leistungssports darauf hin, daß "durch hohe sportliche Leistungen ...das Ansehen unserer Republik in der Welt erhöht werden kann. Andererseits wirken sportliche Höchstleistungen ganz entscheidend auf die Verbesserung des Massensports ein." Weiter "kann man nicht daran vorbeigehen, daß der Leistungssport einen ernst zunehmenden Anreiz insbesondere für die Jugend bedeutet, sich sportlich zu betätigen." Er vermittelt "Kraftbewußtsein und Optimismus für das eigene Leben" sowie auch "viele wichtige Erkenntnisse über die Lebensfunktionen des menschlichen Körpers." (Vgl.: Schuster, Hans: Zu Grundfragen des Leistungssports in der Deutschen Demokratischen Republik. In: Theorie und Praxis der Körperkultur, 7 (1958) Heft 5).

Der Sportwissenschaftliche Kongreß "Sozialismus und Körperkultur" im November 1967 spielte bei der theoretischen Durchdringung der Körperkultur, des Sports und des Leistungssports in der DDR eine herausragende Rolle. Im Rahmen dieses Kongresses äußerte ich mich ebenso wie auch Schuster ausführlicher zur gesellschaftlichen Funktion des Leistungssports. Fünf Aufgaben, die hier in ihren Kerngedanken und ohne die dazu gehörende Erläuterung wiedergegeben werden, schienen mir damals bedeutungsvoll zu sein:

"Der Leistungssport hilft allseitig gebildete sozialistische Persönlichkeiten zu entwickeln und fördert die Erziehung zum Staatsbewußtsein.....

  • wirkt für die Bevölkerung als Beispiel und ist Ansporn für die junge Generation, regelmäßig zu trainieren.....
  • ist ein wichtiger Faktor der Freizeitgestaltung und der Freizeitbetätigung.....
  • verhilft zu neuen Einsichten über die physische Vervollkommnung des Menschen und weist die besten Wege für eine allgemeine Erhöhung der körperlichen Leistungsfähigkeit.....
  • fördert schließlich die Idee der Völkerfreundschaft, des Friedens und unterstützt das Ansehen unseres Arbeiter- und Bauernstaates....."

(Vgl.: Röder, H.: Die sozialistische Sportorganisation - ihre Rolle und Bedeutung bei der Entwicklung sportlicher Höchstleistungen. In: Theorie und Praxis der Körperkultur 17 (1968) Beiheft Teil II, S. 103-104).

In ähnlicher Weise äußerte sich auch Schuster. Er charakterisierte in seinem Kongreßbeitrag vor allem vier Beziehungen - Allseitig entwickelte Persönlichkeiten und Leistungssport, Modellcharakter, Kulturniveau sowie Wettbewerb der Gesellschaftssysteme und Leistungssport. (Vgl.: Schuster, H.: Die gesellschaftliche Funktion des Leistungssports in der DDR. Ebenda, S. 109-113).

In einer späteren Veröffentlichung erweiterten Schuster und Schulz die komplexe Funktion des Leistungssports ebenfalls auf 5 Aspekte. Der sich in den 70er Jahren verschärfenden Systemauseinandersetzung Rechnung tragend, kennzeichneten sie den Leistungssport als einen "der Kampfabschnitte" dieses Wettbewerbs, in dem er einen "Beitrag ...zur Durchsetzung der Politik der friedlichen Koexistenz" leistet. (Vgl.: Schuster, H. / Schulz, H.: Zur Rolle und Funktion des sozialistischen Leistungssports in der DDR. In: Theorie und Praxis des Leistungssports Heft 8/1973).

Die hier beschriebenen Aussagen spiegelten sich auch in den von den Führungsgremien der SED bestätigten Leistungssportbeschlüssen wider. Besonders im Beschluß des Politbüros über "Die Weiterentwicklung des Leistungssports der DDR bis 1980 und die Vorbereitung der Olympischen Sommer- und Winterspiele 1976" findet sich eine relativ geschlossene Darstellung der gesellschaftlichen Erwartungen und Ansprüche an den Leistungssport in der DDR.

So heißt es dort:

"Auf der Grundlage der Beschlüsse des VIII. Parteitages hat der Sport der DDR weiterhin einen aktiven Beitrag zur allseitigen Stärkung und Festigung der DDR und zur Hebung ihres internationalen Ansehens zu leisten. Mit der SU und den anderen Ländern der sozialistischen Staatengemeinschaft brüderlich verbunden, trägt der Leistungssport der DDR dazu bei, die Überlegenheit des Sozialismus in diesem Bereich weiter auszubauen und seine Ausstrahlungskraft zu vergrößern. Der Leistungssport unterstützt die Festigung des Staats- und Klassenbewußtseins der Bürger der DDR und hilft, den sozialistischen Patriotismus und den proletarischen Internationalismus zu entwickeln. In seiner massenpolitischen Wirksamkeit fördert er den Leistungsgedanken und das Streben nach Leistungen höchster Qualität. Er gibt der Jugend unseres Landes die Möglichkeit, ihr sportliches Talent zu entfalten, sich als sozialistische Persönlichkeiten zu bewähren und beeinflußt über die Vorbildwirkung sowie durch Erkenntnisse und Erfahrungen das Niveau des Kinder- und Jugendsports, des allgemeinen Wettkampfsports und des Freizeit- und Erholungssports der Werktätigen. Das Streben nach höchsten sportlichen Leistungen und die damit verbundenen wissenschaftliche Forschung verhelfen zu neuen Einsichten über die physische Vervollkommnung des Menschen und erkunden die besten Wege für eine Erhöhung der körperlichen Leistungsfähigkeit aller unserer Bürger."

(Vgl.: Beschluß des Politbüros der SED vom 27.3.1973. B-Arch. SAPMO DY 30/J/IV2/2 1440, Seite 7).


Zielaspekte und Gesamtziel des Leistungssports in der DDR

Als einer der Mitautoren dieser Beschlüsse empfindet man aus heutiger Sicht manche dieser damals formulierten Ansprüche als idealisiert und überhöht. Damals war es unsere Auffassung und Überzeugung, daß der Leistungssport in einem sozialistischem Staat eine derartig vielschichtige gesellschaftliche Rolle wahrzunehmen vermag.

Das prägte auch die in den entsprechenden Beschlüssen formulierten Zielsetzungen. Dem Anliegen dieser (den Führungsgremien der SED zur Bestätigung unterbreiteten) Vorlagen entsprechend, konzentrierten wir uns auf die Darstellung wichtiger politischer und sportpolitischer Zielaspekte sowie auf die entsprechenden grundlegenden Leistungsziele zu den Olympischen Spielen selbst. Davon wurden dann - und das war vor allem Gegenstand dieser Beschlüsse - die als notwendig erachteten Hauptaufgaben und Aufgaben, Maßnahmenkomplexe und Maßnahmen abgeleitet.

Drei Teilziele standen seit der Beteiligung der DDR mit eigenen Mannschaften an den Olympischen Spielen im Vordergrund:


(Auf dieser Basis fand eine differenzierte Erarbeitung der konkreten Leistungsziele im Sommer- und Wintersport, in den Sportverbänden, Sportclubs und individuell für den einzelnen Spitzenathleten statt.)

Diese in den zentralen Beschlüssen dargestellten Leistungsziele und ausgewählten sportpolitischen und politischen Aussagen erhoben nicht den Anspruch einer komplexen Gesamtzielstellung des DDR-Leistungssports, wie es zum Beispiel Karsten Schumann in seiner Dissertation unterstellt. (Vgl.: Schumann, K.: Empirisch-theoretische Studie zu entwicklungsbestimmenden Bedingungen des Leistungssports der DDR. Versuch einer zeitgeschichtlichen Bilanz und kritischen Wertung vor allem aus der Sicht der Gesamtzielstellung. In: Beiträge zur Sportgeschichte, Heft 2 1992, S. 48).

Sie sind ,auf einen bestimmten Zeitraum bezogen, wichtige Aspekte einer Gesamtzielstellung, aber nicht das Gesamtziel des Leistungssports als besonderer Teilbereich von Körperkultur und Sport in der DDR selbst.

Nach meiner Auffassung müßte eine Definition eines derartigen Gesamtziels - neben den allgemeinen - weitaus stärker die spezifischen Zielaspekte des Leistungssports berücksichtigen. Dadurch werden zugleich die Sportler als Träger der Leistungen in den Mittelpunkt der Zielbestimmung gestellt. Weiter sollte eine derartige Definition nicht nur den Hochleistungssport sondern auch der Nachwuchsbereich umspannen.

Ansätze für eine komplexere Zielbestimmung finden sich in der "Grundlinie 2000". Hier wird von einer "anspruchsvolle(n) Zielstellung" gesprochen, "das in der Vergangenheit erfolgreiche System des DDR-Leistungssports zu vervollkommnen" und "das in vielen Sportarten erreichte hohe Leistungsniveau zu behaupten und auszubauen sowie auf weiteren Gebieten Spitzenleistungen anzustreben." (Vgl.: Grundlinie für die perspektivische Entwicklung des Leistungssports der DDR bis zum Jahre 2000. B-Arch. SAPMO DY 30/J/IV 2/2 2245, S.4).

Dadurch angeregt, läßt sich nach meinem Ermessen folgendes zusammenfassen:

Die Gesamtzielstellung des Leistungssports in der DDR kam vor allem in drei Zielaspekten zum Ausdruck


Versucht man das in einem Satz zu verdichten, so bestand das übergreifende Ziel des DDR-Leistungssports darin, durch einen komplex und langfristig gestalteten Leistungsaufbau in der Mehrzahl der olympischen Sommer- und Wintersportarten talentierte Sportlerinnen und Sportler zu internationalen Spitzenleistungen zu führen, mit denen bewußt System- und Individualinteressen verwirklicht wurden.

In dieser Definition verbinden sich Prozeß und Prozeßergebnis sowie gesellschaftlicher und individueller Bezug. Damit soll dem, meines Erachtens außerordentlich komplexen Charakter und der komplexen Zielsetzung des Leistungssports in der DDR in erforderlichen Maße entsprochen werden.


Gesellschaftliche Grundlagen für die Entwicklung des Leistungssports in der DDR

Mit dem angeführten Versuch einer Zielbestimmung wird nur wenig über die Grundlagen und die Ursachen für die erfolgreiche Entwicklung des Leistungssports in der DDR ausgesagt.

Was waren die Ursachen für die langandauernden Erfolge dieses Sportsystems?

Welche Triebkräfte standen dahinter?

Was machte dieses sogenannte "Sportwunder DDR" aus?

Alle diese Fragen bewegten besonders vor 1989 die sportinteressierte Öffentlichkeit in aller Welt, viele Sportjournalisten und auch nicht wenige sportbegeisterte Bürger in der DDR selbst. Ich erinnere mich noch der unzähligen Fragen und der vielen Interviewwünsche, die an mich in Seoul als Chef de Mission der Olympiamannschaft gestellt wurden. Allgemein gehaltenen Antworten oder gar Floskeln überzeugten nicht. Aber oft wurde auch konkreten Sachargumenten mißtrauisch oder ungläubig begegnet. Vor allem Presseleute aus den westlichen Ländern waren auf besondere Hintergründe, vermeintliche Geheimnisse und gut zu "verkaufende Stories" aus. Den Verweisen auf breite Talentsichtung, systematisches Training oder wissenschaftliches Arbeiten wurde oft nur geringes Interesse entgegen gebracht.

Ich vermag auch heute - viele Jahre nach dem Untergang der DDR und mit ihr unseres Leistungssports - keine neuen Geheimnisse oder Wunder zu offenbaren.

Nach unserem Verständnis wurde und wird die Entwicklung und der Entwicklungsstand des Leistungssports in einem Land durch die in diesem Land bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen und Verhältnisse, aber auch durch die innerhalb und außerhalb des Sports wirkenden internationalen Einflüsse bestimmt. Beide Faktorengruppen prägen das Niveau, die Struktur und Funktion des Sports und Leistungssports in einem Staat. Wir bezeichneten bzw. bezeichnen sie als gesellschaftlichen Grundlagen oder Bedingungen.

Nimmt man den DDR-Sport, so bestimmten vor allem folgende gesellschaftliche Faktoren seine Entwicklung über 4 Jahrzehnte:

Da ist als erstes die kontinuierliche ideelle und materielle Förderung und Unterstützung des Sports durch den Staat und die in der DDR führende Partei - die SED - zu nennen. Darauf aufbauend wuchsen über viele Jahre die für den Sport und Leistungssport notwendigen materiellen Grundlagen und eine außerordentlich günstige Atmosphäre, welche die Aufgeschlossenheit der Kinder, Jugendlichen, der Eltern, der Schule, der Jugendorganisationen sowie vieler anderer gesellschaftlichen und staatlichen Einrichtungen prägte und weitreichende Maßnahmen zur Förderung ermöglichte.

Zweitens übten die Impulse und die praktische Hilfe des sowjetischen Sports besonders in der Aufbauphase einen wichtigen Einfluß auf den Sport in der DDR aus. Er erhielt nicht nur Anregungen für die Organisation des Sports, des Leistungssports und der Sportwissenschaft, sondern schöpfte aus dem Erfahrungs- und Wissensvorsprung der sowjetischen Körperkultur mannigfaltige Anstöße für eigene schöpferische Lösungen.

Von außerordentlicher Bedeutung war natürlich (drittens) die Entwicklung des Weltsports und der Olympischen Bewegung. Die in den fünfziger Jahren beginnende weltweite gesellschaftliche Aufwertung des Sports, des Leistungssports und der Olympischen Spiele, das Entstehen neuer Sportarten und einer wachsenden Zahl von Wettkämpfen, die Verbreitung des Frauensports, aber auch die später zunehmende Kommerzialisierung und Professionalisierung wirkten objektiv auf den Sport in der DDR ein und lösten entsprechende Reaktionen aus.

Viertens sind die Wirkungen und Auswirkungen der sich vollziehenden Revolution in Wissenschaft und Technik auf den Sport zu nennen. In den 4 Jahrzehnten vollzogen sich gravierende Veränderungen wissenschaftlich-technischer Art, explodierte der Wissensbestand und eröffneten sich dem Sport und Leistungssport neuartige Lösungsmöglichkeiten durch Erkenntnisse auf gesellschaftswissenschaftlichem, naturwissenschaftlichem und technischem Gebiet. Die Sportwissenschaft und die Forschung im Leistungssport nahmen in quantitativer und qualitativer Hinsicht einen erheblichen Aufschwung.

Fünftens durchdrang die sich in dieser Zeit verschärfende Systemauseinandersetzung zwischen Sozialismus und Kapitalismus den Sport und insbesondere den Leistungssport und machte ihn zu einem öffentlichkeitswirksamen Feld in diesem weltweitem Kampf. Das verschärfte die leistungssportliche Auseinandersetzung zwischen Ländergruppen und Ländern und in besonderem Maße zwischen dem Sport der beiden deutschen Staaten. Es verstärkte sich die politisch-ideologische Funktion des Leistungssports. Der mehrfache Boykott Olympischer Spiele belastete die internationalen Beziehungen und gefährdete ernsthaft die Zukunft der Olympischen Bewegung. In einem Artikel "über Ideologie und Politik in der Entwicklung des Leistungssports" weist Günther Erbach ausführlich auf diese mit diesem Faktor verbundenen Einflüsse und Zusammenhänge hin. (Vgl.: Erbach, G.: In: Beiträge zur Sportgeschichte", Heft 2, S.74-93).

Unter diesen objektiven gesellschaftlichen Bedingungen vollzog sich die dynamische Entwicklung des DDR-Leistungssports.

Wie in anderen Ländern, so gelang es auch der DDR die hier aufgeführten, in vieler Hinsicht positiven gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Entwicklung hoher sportlicher Leistungen zu nutzen und negative Einflußfaktoren zu minimieren. Maßgeblich dafür waren letztlich die über viele Jahre günstig wirkenden gesellschaftlichen Verhältnisse und Bedingungen in der DDR selbst. Die politisch-ökonomische Entwicklung in den 50er, 60er und teilweise auch in den 70er Jahren schuf die Voraussetzungen für den Aufbau einer für damalige Verhältnisse modernen materiellen und personellen Basis für den Hoch- und Nachwuchsleistungssport. Als besonders weitsichtig erwies sich die frühzeitige und inhaltlich anspruchsvolle Ausbildung von Trainern.

Die Sportwissenschaft und die Forschung im Leistungssport wurden schwerpunktmäßig ausgebaut und gestalteten sich zunehmend zu einer unverzichtbaren Haupttriebkraft im Prozeß der sportlichen Leistungssteigerung. Die breite und schöpferische Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse führte zu unzähligen Veränderungen und Innovationen in der Praxis. So entstand über Jahre ein zunehmend effektiveres System der Entwicklung sportlicher Leistungen mit dem ihm eigenen systemspezifischen Wirkkräften oder Wirkfaktoren.


Spezifische Wirkfaktoren der Leistungsentwicklung

In den Leistungssportbeschlüssen ab 1965 finden sich verstärkt Hinweise auf Aufgaben und Arbeitsschwerpunkte in denen der Systemcharakter des Leistungssports in der DDR und die wichtigsten Bestandteile dieses Systems erkennbar werden. Unterschiedlich akzentuiert, wurden für die einzelnen Zeiträume eine Reihe von Hauptaufgaben bestimmt, die mehr oder minder deutlich systemspezifische Wirkfaktoren widerspiegeln.

In der "Grundlinie für die perspektivische Entwicklung des Leistungssports der DDR bis zum Jahr 2000" sprach man von "Vorzügen und Triebkräften des Sozialismus für die sportliche Leistungsentwicklung". Fünf wesentliche dieser Triebkräfte wurden damals beschrieben.

"Die erfolgreiche Entwicklung des DDR-Leistungssports ist vor allem darauf zurückzuführen, daß

  • erstens unter Führung der Partei ständig die gesamtgesellschaftliche Atmosphäre für die Förderung von Körperkultur und Sport geschaffen wurde. Das Sekretariat des DTSB und die Leistungssportkommission der DDR leiteten in enger Zusammenarbeit mit dem Staatssekretariat für Körperkultur und Sport und dem Minister für Volksbildung die Durchführung der Beschlüsse des Politbüros auf diesem Gebiet;
  • zweitens zahlreiche sportliche Talente unseres Volkes erfaßt, in den Trainingszentren, Sportclubs, Kinder- und Jugendsportschulen und den Leistungssportschulen zu sozialistischen Persönlichkeiten entwickelt und planmäßig über drei Förderstufen zu sportlichen Höchstleistungen geführt werden;
  • drittens in Einheit von schulischer und beruflicher Ausbildung, leistungssportlichen Training und kommunistischer Erziehung auf der Grundlage wissenschaftlich fundierter Programme und modernster Erkenntnisse eine hohe Effektivität in der Arbeit in vielen Sportarten gesichert wurde;
  • viertens Trainer, Übungsleiter, Sportfunktionäre, Sportlehrer und viele ehrenamtliche Helfer des Sports unermüdlich und engagiert, durch die Ausbildung an der DHfK und an anderen Einrichtungen gut vorbereitet, für die Entwicklung des DDR-Leistungssports tätig waren;
  • fünftens mit dem Bau und der Modernisierung von Sporteinrichtungen, der Entwicklung von Sport- und Trainingsgeräten sowie von Sportbekleidung, der Schaffung von sportmedizinischen und wissenschaftlichen Einrichtungen das Bedingungsgefüge für den Leistungssport entsprechend den vorhandenen Möglichkeiten geschaffen wurde."

(Vgl.: Grundlinie 2000 a.a.O. S. 2).

Es ist das Verdienst von Karsten Schumann, daß er auf der Grundlage der Leistungssportbeschlüsse, weiterer Dokumente und einer umfangreichen Befragung von Experten diese Faktoren im Rahmen seiner Dissertation konkreter untersucht, systematisiert und erläutert hat. Schumann bezeichnet die Faktoren als "entwicklungsbestimmende Bedingungen des Leistungssports der DDR". Er faßt sie in folgenden Punkten zusammen:

(Vgl.: Schumann: a.a.O. Auszüge Teil II, Heft 3, Seite 71-86).

In der Erläuterung bzw. Analyse der einzelnen Bedingungen arbeitet Schumann vielschichtige Beziehungen zwischen diesen Bedingungen und weitere Komponenten heraus. Einige sind meines Erachtens ihrem Wesen nach selbst eigenständige Wirkfaktoren des Leistungssportsystems in der DDR.

In seinem bereits erwähnten Beitrag beschäftigt sich auch Günther Erbach mit wesentlichen "Wirkungsfaktoren dieses Systems". Aufbauend auf seinen in Führungspositionen im Sport der DDR gewonnenen Kenntnissen und Erfahrungen, stützt er grundsätzlich die Auffassung und die Analyseergebnisse Schumanns. Erbach definiert wie Schumann sieben Faktoren und fügt, in dem er schulische und berufliche Ausbildung von den erzieherischen Einflüssen unterscheidet, die Bildung von Motiven und ideologischen Grundüberzeugungen als gewissermaßen eigenen (achten) Aspekt hinzu. Unterschiedlich zu Schumann bewertet Erbach das Niveau der dem Leistungssport in der DDR verfügbaren materiell-technischen Basis. Er bezeichnet " die optimale Nutzung einer modernen und allen Anforderungen des leistungssportlichen Trainings gerecht werdenden materiell-technischen Basis" als einen "sehr effektiven Faktor in einem komplex wirkenden Bedingungsgefüge". (Vgl.: Erbach, G.: a.a.O., S.88;). Ich stütze diese Auffassung. Es war die zwischen DTSB und dem Staatssekretariat für Körperkultur und Sport abgestimmte Absicht, den Ausbau der materiell-technischen Voraussetzungen vor allem auf die Sicherung des Trainings als Hauptprozeß und den damit verbundenen komplexen sozialen, sportmedizinischen und wissenschaftlich-technischen Einrichtungen zu konzentrieren. Damit entstanden - bei weitgehenden Verzicht auf den Bau von großen, repräsentativen Wettkampfstätten in der Mehrzahl der Sportarten, in den Sportclubs und Sportschulen sehr günstige Voraussetzungen für das Training und das damit verbundenen komplexe Umfeld (Internate, Versorgungseinrichtungen, Arzt- und Massageräume, wissenschaftlich Meßeinrichtungen u .a.). Man kann heute über dieses Vorgehen durchaus geteilter Meinung sein. Unter den damals gegebenen konkreten Bedingungen erwies es sich, als Alternative zu einer Zersplitterung unserer begrenzten Kapazitäten, durchaus als effektiv und leistungsfördernd.

Sieht man von derartigen Unterschieden in der Bewertung und von einigen weiteren Einzelfragen ab, so teile ich grundsätzlich die Auffassungen beider Autoren. Wenn ich - mich darauf stützend - dennoch den Versuch unternehme, die spezifischen Wirkfaktoren unseres Leistungssports zu definieren, so geschieht das mit der Absicht, diese Faktoren noch differenzierter zu beschreiben. Weiter scheint es mir auch erforderlich, einige von den beiden Autoren nicht erfaßte Elemente hinzuzufügen. Damit kommt meiner Ansicht nach die Komplexität und die Reichhaltigkeit unseres Leistungssportsystems noch besser zum Ausdruck. Das breite Entwicklungspotential dieses Systems und die schöpferische Arbeit aller Beteiligten treten noch deutlicher hervor.

Was also waren die wichtigsten systemspezifischen Wirkfaktoren für den langjährig Erfolg des Leistungssports in der DDR?


Die Reihenfolge dieser Faktoren enthält keine Aussage über ihre Rangfolge. Sie soll vor allem ihre Komplexität und ihren Systemcharakter widerspiegeln. Dem Training und dem Trainer kam in diesem System eine zentrale Rolle zu. Aber auch sie waren Bestandteile eines Ensembles von Faktoren, das erst in seiner Ganzheit voll wirksam wurde. Nicht einzelne Faktoren oder gar ein Wirkungsfaktor waren also ausschlaggebend. Völlig zu Recht sagt Erbach, die "Systemwirkung war entscheidend für den Erfolg" des Leistungssports in der DDR. (Erbach, G.: a.a.O. S.86).


Besondere Merkmale des DDR-Leistungssportsystems

Systemtheoretisch betrachtet, stellte sich der DDR-Leistungssport als ein dynamisches System dar. In diesem Sinne waren die genannten Wirkfaktoren aktive Elemente dieses Systems. Jedes Element beeinflußte mehr oder minder stark die anderen, die ihrerseits wieder zurückwirkten. Ihre Beziehungen und Wechselbeziehungen untereinander prägten in spezifischer Weise die Struktur unseres Leistungssports, während die möglichen Verhaltens- und Wirkungsweisen die Funktion des Systems ausmachten.

Dynamik, Komplexität und Stabilität sind wichtige Merkmale von Systemen. Sie waren auch typisch für den DDR-Leistungssport. Auf insgesamt fünf Merkmale soll hier eingegangen werden.

Zielgerichtetheit

Ein wesentliches Kennzeichen bestand in der konsequenten Ausrichtung des Leistungssports auf die Weltspitze und auf Weltspitzenleistungen. Nachdem in der Aufbauphase und in der Auseinandersetzung um die zahlenmäßige Mehrheit in den gemeinsamen deutschen Olympiamannschaften nationale Spitzenleistungen bzw. der Anschluß an die Weltspitze im Vordergrund standen, rückte nach den Olympischen Spielen 1964 zunehmend der Kampf um internationale Höchstleistungen in den Mittelpunkt. Das entsprach nicht nur den konkreten sportpolitischen Interessen, sondern vor allem auch dem Leistungsstreben der Sportler selbst. Jeder Athlet und Trainer ist sich bewußt - Hochleistungssport zielt letztlich auf Weltspitzenleistungen, auf Siege und Erfolge bei Olympischen Spielen, Welt- und Kontinentalmeisterschaften. Dieses Zielstreben wurde - in vielfältiger Form gefördert - über viele Jahre zum Maßstabsdenken der überwiegenden Anzahl der Sportler, Trainer und Funktionäre in den Sportverbänden und Sportclubs. Es bestimmte die Bereitschaft höchste Belastungen in Training und Wettkampf zu übernehmen und die Lebensweise dementsprechend zu gestalten. In der sportpraktischen Arbeit setzte sich der Grundsatz durch: "95 und auch 99 Prozent sind zu wenig, Du mußt Dich im Wettkampf wie im Training mit 100 Prozent einbringen, willst Du ganz vorn sein!"

Zugleich wurden die Leistungen und das Vorbild der Besten genutzt, um das Streben nach hohen und höchsten Leistungen auch unter den Nachwuchssportlern zu verbreiten. "Die Spartakiadeteilnehmer und -sieger von heute sind die Olympiateilnehmer und Olympiasieger von morgen" dieser Satz machte die Runde und motivierte Hunderte, ja Tausende sportbegeisterte, ehrgeizige Mädchen und Jungen.

Im Kapitel über den Nachwuchsleistungssport habe ich beschrieben, wie die Orientierung auf Weltspitzenleistungen fachlich auf die einzelnen Trainingsphasen umgelegt und zu etappenbezogenen Trainings- und Wettkampfzielen ausgestaltet wurde. So entstand ein langfristiger Trainings- und Leistungsaufbau an dessen Ende Sportler und Mannschaften standen, die zielgerichtet auf internationale Höchstleistungen vorbereitet waren.

Komplexität

Der Leistungssport der DDR wurde durch ein außerordentlich hohes Maß an Komplexität geprägt. Das galt für seine Verflechtung nach außen zu anderen Teilsystemen und Systemen wie besonders auch für die enge Kopplung der inneren Systemelemente.

Nach außen hin seien nochmals die Wechselbeziehungen zur Volksbildung, zu den Jugendorganisationen, zum Gesundheitswesen, zu Wissenschaft und Forschung, zu den sogenannten "bewaffneten Organen" (Nationale Volksarmee, Polizei, Zoll und Staatssicherheit) und zu wichtigen Zweigen der Volkswirtschaft und der Wirtschaftsplanung hervorgehoben. Für die Gestaltung dieser Beziehungen kam neben dem DTSB dem Staatssekretariat für Körperkultur und Sport eine besondere Verantwortung zu. Auf der Basis zentraler Beschlüsse und Vereinbarungen arbeiteten Sportverbände, Sportclubs, Trainingszentren, Bezirks- und Kreisvorstände, sportwissenschaftliche und sportmedizinische Einrichtungen direkt mit den entsprechenden Partner zusammen. Sie verfügten dabei aufgabenbezogen über ein nicht geringes Maß an Eigenverantwortung und über genügend Freiraum für eine effektive, d. h. ergebnisreiche und kameradschaftliche Gestaltung der Kooperation.

Was die Komplexität der systemspezifischen Wirkfaktoren anbetrifft, so möchte ich exemplarisch vor allem auf folgender Elemente hinweisen:

In diesen und vielen anderen Wirkungszusammenhängen hatte der Leistungssport in der DDR Lösungen erreicht, die damals beispielgebend waren und um die uns viele Länder beneideten.

Stabilität

Wie die Komplexität so ist auch die Stabilität ein relevantes Merkmal jedes realen Systems. Sie gewährleistet die Beständigkeit des jeweiligen Systems in seinen Elementen und Relationen. Im Leistungssport der DDR bildete das Fördersystem mit seinen Stufen und den diesen Stufen entsprechenden Organisationsformen das stabile Gerüst. Aber auch die sich zwischen anderen Elementen entwickelnden inhaltlichen und organisatorischen Kopplungen trugen maßgeblich zur Stabilität des Systems bei. Diese Stabilität ermöglichte es, die genannten spezifischen Wirkfaktoren über einen langen Zeitraum zur vollen Wirkung zu bringen und wiederholbar sportliche Spitzenleistungen mit unterschiedlichen Sportlern und Sportlergruppen zu erreichen.

Auf diesem Wege konnten mehrere Generationen von jungen Leistungssportlern mit sehr differenzierten individuellen Voraussetzungen in ihren Sportarten in die Weltspitze geführt werden. Die Anzahl der Sportarten in denen dieses gelang konnte dabei systematisch vergrößert werden.

Neben diesem sehr beweiskräftigen Sachverhalt, soll auch auf bestimmte Nachteile einer ausgeprägten Systemstabilität hingewiesen werden. Sie macht das System träge gegenüber Veränderungen und Erneuerungen und erfordert es, bewußt neue Reserven und Entwicklungsmöglichkeiten zu erschließen. Im Abschnitt über den langfristigen Leistungsaufbau wurde bereits ausführlicher auf diese Problematik hingewiesen.

Dynamik

Unser Leistungssport gestaltete sich seinem Wesen nach als ein dynamisches System, in dem nicht nur zwischen den Elementen Kopplungen und Rückkopplungen bestanden, sondern das zugleich offen war für Einflüsse von anderen Systemen und Teilsystemen. Entscheidende Impulse und Einflüsse gingen vom internationalen Spitzensport, der sich objektiv vollziehenden Entwicklung der sportlichen Leistungen, den Sportarten und den im Leistungssport führenden Länder aus. Die entsprechenden Informationen wurden systematisch ausgewertet und fanden Eingang in die Beschlüsse, Plandokumente und Leistungsziele. Wie bereits im Kapitel über den Hochleistungssport dargelegt, maßen wir der Analyse der internationalen Leistungsentwicklung und der Prognose künftiger Spitzenleistungen erstrangige Bedeutung bei. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse und Folgerungen beeinflußten die Arbeitsmaßstäbe und die praktische Tätigkeit der Trainer und führten zu Veränderungen und Neuerungen des Trainings als dem aktivsten Element der sportlichen Leistungssteigerung. Viele unserer Trainer waren davon überzeugt, daß "Stillstand im Training Rückstand in der Leistungsentwicklung" bedeutete und zogen daraus die Konsequenz, das Training ständig weiter zu entwickeln. Ihr in diesem Prozeß gewonnenes Erfahrungswissen bereicherte ganz wesentlich die Trainingspraxis und löste neue Impulse für deren dynamische Verbesserung aus.

Die Dynamik unserer Entwicklung wurde maßgeblich von der wissenschaftlich-technischen Entwicklung und der Sportwissenschaft geprägt. Die "Umsetzung des wissenschaftlich-methodischen Fortschritts" trug programmatischen Charakter in unserer Arbeit. Sie zielte anfangs vor allem auf die breite und konsequente Anwendung trainingsmethodischer, biomechanischer und sportmedizinischer Erkenntnisse. In wachsendem Umfang kamen Ergebnisse der Erziehungswissenschaften, der Sportpsychologie, der Sportsoziologie, der Informatik und Gerätetechnologie hinzu. In diesem umfassendem Sinne wurden Wissenschaft und Technik und speziell die Leistungssportforschung zu einer "hauptsächlichen Triebkraft für die Entwicklung sportlicher Leistungen" und damit nahezu zu einem Garant für die dynamische Erneuerung unseres Leistungssportsystems.

Professionalität

Es gab verschiedene Gründe dafür, weshalb sich unsere Arbeit im Leistungssport zunehmend professionell gestaltete. Sie bestanden in der hohen Komplexität und in der wachsenden "Verwissenschaftlichung" des Leistungssports, vor allem aber in der berufsmäßigen Tätigkeit der Trainer.

Dem Beispiel des sowjetischen Sports folgend, sahen wir im Wirken des Trainers eine unverzichtbare pädagogische Tätigkeit, die vollberuflich auszuüben war. Die Anforderungen an den Trainerberuf beschränkten sich dabei keineswegs auf ein hohes Spezialwissen in der jeweiligen Sportart. Sie umfaßten gleichwertig solide pädagogische und psychologische Kenntnisse und Fähigkeiten für die Führung von Sportlern und Sportmannschaften sowie ein breites Grundlagenwissen gesellschafts- und naturwissenschaftlicher Art. Ein Trainer mit derartigen Voraussetzungen war nach unserem Verständnis, dem Lehrer vergleichbar, ein auf einem speziellen Gebiet professionell tätiger Pädagoge.

Diese Stellung und Rolle der Trainer hatte natürlich Auswirkungen auf die Führung dieser zahlenmäßig stark anwachsenden Gruppe. Sie konnte nicht allein durch ehrenamtliche Kräfte erfolgen, die weder über die Zeit noch über die fachlichen Voraussetzungen verfügten, vollberuflich arbeitende Trainer anzuleiten. Es entwickelte sich eine Kombination von ehrenamtlich und hauptamtlich tätigen Leitungskräften im Leistungssport der DDR. Damit knüpften wir an die im deutschen Sport und im DTSB bewährten demokratischen Grundsätze und Traditionen an und führte sie entsprechend der objektiven Erfordernisse des modernen Leistungssports weiter. Neben den ausschließlich im Ehrenamt tätigen, gewählten Funktionären wuchs eine Generation von hauptamtlich arbeitenden, aber zugleich in ihren Funktionen gewählten Leitern heran. Sie verfügten nicht nur über die erforderlichen politischen und organisatorischen Fähigkeiten und Erfahrungen, sondern waren in der Regel ausgebildete Diplomsportlehrer mit einem hervorragenden Fachwissen im Sport und Leistungssport. Verglichen mit vielen der Sportfunktionäre aus dem Ausland stellten sie gewissermaßen einen neuen Typus von im Leistungssport tätigen Leitern dar. Als Generalsekretäre und Stellvertretende Generalsekretäre in den Sportverbänden, als Vorsitzende und Stellvertretende Vorsitzende in den Sport- und Fußballclubs, in den Bezirks- und in den Kreisvorständen sowie als Vizepräsidenten im DTSB sicherten sie gemeinsam mit den verantwortlichen Kräften in der Sportwissenschaft und Sportmedizin ein hohes, professionelles Niveau der Leitung des Hochleistungs- und des Nachwuchsleistungssports in der DDR.

Es ist auch heute noch meine Überzeugung, daß der moderne Leistungssport in seiner Dynamik und Komplexität einer fachlich hochqualifizierten, professionellen Führung bedarf. Im Sport der DDR bestanden dafür spezifisch wirkende, erfolgreiche Lösungen.

Abschließend erscheint es mir auch an dieser Stelle angebracht, auf einige in unserem System negativ wirkende Einflußfaktoren hinzuweisen.

Im Rückblick sehe ich sie in der teilweise unzureichenden Flexibilität unseres über viele Jahre erfolgreich gewachsenen Fördersystems und seinen organisatorischen und zeitlichen Strukturen.

Reserven bestanden nach meinem Ermessen auch in der Weiterentwicklung der Wettkampfsysteme und in der stärkeren Ausnutzung dieses Faktors für die Vorbereitung sportliche Höchstleistungen. Bedingt durch die sich in der DDR verschärfenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, aber auch durch die bestehenden Embargobestimmungen der westlichen Länder war der Import wichtiger Trainingsgeräte sowie moderner Meß- und Informationssysteme, die ohne Zweifel für die zukünftige wissenschaftliche und praktische Arbeit nötig gewesen wären, stark begrenzt.

Ebenso hätten die zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Kapazitäten für eine verstärkte Grundlagenforschung und für die angewandte Forschung in weiteren Sportarten ausgebaut und die internationale Kooperation ausgeweitet werden müssen. Die Einbeziehung neu in das olympische Wettkampfprogramm aufgenommener Disziplinen bzw. bislang nicht besonders geförderter olympischer Sportarten stand auf der Tagesordnung. Sie wurde in Auswertung der Olympischen Spiele 1988 bereits eingeleitet und hätte mit den Blick auf die sich seit 1990 vollzogene Entwicklung erhebliche Aufwendungen und Anstrengungen erforderlich gemacht.

Aus der Kenntnis der in unserem System enthaltenen Entwicklungspotentiale läßt sich schließen, daß viele dieser Ansprüche und neuen Aufgaben auch zukünftig lösbar gewesen wären. Der Anschluß bzw. die Vereinigung dieser Potentiale mit denen des Sports in der BRD bot neue Möglichkeiten und auch Chancen. Sie wurden aus politischen und anderen Gründen vergeben bzw. ungenügend genutzt.